Die vergessenen Kinder

Anna-Maria Cramer

Babysitterdienste oder Betriebskindergärten gibt es in deutschen Unternehmen nur selten - obwohl sich Familienfreundlichkeit rechnet. Von Dorit Hess.Eine Bewerbung nach der anderen landet in diesen Tagen auf dem Schreibtisch von Thomas Huber - weil sein Unternehmen so familienfreundlich ist. »Bei uns bewerben sich so viele, dass ich allein zur Bearbeitung der Post jemanden einstellen müsste«, sagt der Personalchef der Gerhard Rösch GmbH. Kein Wunder: Unter Familienfreundlichkeit versteht der 400 Mitarbeiter große Bekleidungshersteller aus Tübingen mehr als flexible Arbeitszeiten. Väter ermutigt Huber, in Teilzeit zu arbeiten - sieben nutzen das schon, Tendenz steigend. Frauen ermuntert er, in der Firma eine leitende Position zu übernehmen - die Hälfte der 16 Führungskräfte ist weiblich. Einen kostenlosen Betriebskindergarten hat Rösch seit 1972. Und verbilligtes Kantinenessen können Angestellte für ihre Familie mit nach Hause nehmen.

Gerade einmal vier von zehn Akademikerinnen haben ein Kind

All das ist selten in deutschen Firmen. Weniger als die Hälfte aller Unternehmen haben nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) familienfreundliche Angebote festgelegt - sei es durch Tarifverträge, Leitlinien oder Betriebsvereinbarungen. Nur ein Drittel der deutschen Firmen sorge sich ernsthaft um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, ein weiteres Drittel behaupte dies, ein Drittel tue nichts, schätzt Michael Domsch, Leiter des Instituts für Personalwesen und Internationales Management an der Universität der Bundeswehr in Hamburg. »Und das ist schon optimistisch«, sagt er. Eine Umfrage unter Betriebsräten zeige, dass in 73 Prozent der Unternehmen Familienfreundlichkeit bislang kein Thema sei, klagte Bundesfamilienministerin Renate Schmidt jüngst im Handelsblatt. Lange wurde über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie vor allem unter sozialpolitischen Gesichtspunkten diskutiert. Aus der moralischen Diskussion ist aber längst eine ökonomische geworden - weil die Menschen in Deutschland immer älter werden und die Zahl der Bevölkerung wie die der Fachkräfte sinkt.

Der Anteil der Erwerbspersonen unter 50 Jahren wird von derzeit 77 Prozent auf 68 Prozent im Jahr 2015 sinken, berichtet das Baseler Wirtschaftsforschungsinstitut Prognose. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fordert denn auch, mehr qualifizierte Frauen ins Erwerbsleben zu bringen. Alle würden von einer familienfreundlichen Personalpolitik profitieren: Arbeitnehmer könnten ihr Privat- und Berufsleben besser koordinieren, der Staat durch eine steigende Erwerbsbeteiligung höhere Steuer- und Sozialbeiträge erzielen und Firmen Standortvorteile erlangen.

Nicht nur die Wirtschaft, auch die deutsche Familienpolitik muss sich Versäumnisse vorwerfen lassen. Obwohl der Staat vom Kindergeld bis zur Hochschulausbildung nach Angaben des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel insgesamt rund 180 Milliarden Euro zur Kindererziehung beisteuert, ist die Geburtenrate hierzulande weltweit eine der niedrigsten. Insbesondere Akademikerinnen entscheiden sich gegen Nachwuchs - nur vier von zehn haben ein Kind. In Nordeuropa ist neben der Geburtenrate auch die Zahl der erwerbstätigen Frauen höher.

Wie dringend der Handlungsbedarf ist, hat Familienministerin Schmidt offenbar erkannt. Gleich einer Handlungsreisenden tourt sie seit Monaten durch die Lande. Ihre Botschaft: Familienfreundliche Firmenpolitik bringt Gewinn. Vorgerechnet hat ihr das Prognos. Demnach liegt das Einsparpotenzial für ein Musterunternehmen mit 1500 Mitarbeitern bei mehreren 100000 Euro und die Rendite von Investitionen in familienfreundliche Personalmaßnahmen bei 25 Prozent. Wenn Unternehmen jungen Müttern etwa so flexible Arbeitszeiten bieten, dass sie wenige Wochen nach der Geburt wieder arbeiten können, sparen die Firmen Einarbeitungskosten für Vertretungen. Wenn sie Eltern beim Ausfall ihres Babysitters mit Notfallbetreuern unterstützen, senken sie Fehlzeiten. In einem Checkheft haben das Ministerium und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) ähnliche Tipps zur Umsetzung in die Praxis zusammengefasst. Unternehmer scheint dies anzusprechen: Die Nachfrage sei sehr stark, heißt es.

Zeit wäre es: Bislang habe familienfreundliche Personalpolitik weder als besonderes Qualitätsmerkmal gegolten, noch seien die Anreize ausreichend groß gewesen, sagt Personalexperte Domsch. Er beobachtet aber »eine Entwicklung, der sich Firmen nicht mehr verweigern können, weil sie in Zeiten des Fachkräftemangels von qualifizierten Bewerbern ignoriert und mit einem negativen Image versehen werden«. Und das ist für kein Unternehmen hinnehmbar. »Firmen lassen sich nur durch betriebswirtschaftliche Argumente belehren«, stellt Domsch nüchtern fest. Daneben helfen auch Zertifikate für besonders gute Unternehmen, sagt er – »wie beim Umweltschutz«.

Das Beispiel E.on Ruhrgas gibt Domsch Recht: Wie Rösch und rund 90 weitere Betriebe hat sich der Essener Konzern einer Beurteilung der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung unterzogen. Sie vergibt Grundzertifikate für erste positive Ansätze, legt mit den Teilnehmern Ziele für eine familienfreundlichere Personalpolitik fest, lässt sie von der Firmenleitung unterzeichnen und honoriert Erfolge drei Jahre später mit einem weiteren Zertifikat. »Als Arbeitgeber für Bewerber und Bewerberinnen noch attraktiver zu werden«, lautet eins von E.ons Zielen. »Viele Bewerber, vor allem weibliche, fragen explizit danach, was wir für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie tun«, sagt der Leiter der Abteilung Personalkonzepte, Carl-Sylvius von Falkenhausen, selbst zweifacher Vater und verheiratet mit einer berufstätigen Frau. Wer die guten Leute haben wolle, müsse etwas tun.

Bislang hat das Gasunternehmen flexible Arbeitszeiten eingeführt, und es kooperiert mit dem Sozialdienst katholischer Frauen und einer Kindertagesstätte vor Ort. Ein »Notfallzimmer« soll noch in diesem Jahr eingerichtet werden, damit Eltern sich im Notfall am Arbeitsplatz um ihr Kind kümmern können. »Wenn die Betreuung kurzfristig ausfällt«, erklärt von Falkenhausen.

Nutznießer solcher Ideen sind Frauen wie Irit Eser, 38 Jahre alt, Mutter der 14 Monate alten Harriet. Seit 1992 ist Eser als Statistikerin bei E.on Ruhrgas beschäftigt. Zehn Monate nach der Geburt ihres Kindes saß sie wieder am Schreibtisch; ein Kindermädchen - von der Firma vermittelt - behütet während Esers 30-Stunden-Woche Harriet. Neben ihrem Familienleben Karriere zu machen sei aber »schwierig«, sagt Eser, die als Teilzeitangestellte ein Projekt mit mehreren Vollzeit arbeitenden Männern leitet.

»Teilzeitarbeit von Führungskräften hat sich in einem traditionellen Industrieunternehmen wie dem unseren noch nicht durchgesetzt«, gibt von Falkenhausen zu. Eine einzige leitende Angestellte arbeitet Teilzeit.

Oft ist es erst die persönliche Betroffenheit, durch die sich in einem Unternehmen etwas ändert. Sie ist immer ein »anstoßendes Element«, sagt DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun (siehe Interview). Bei E.on Ruhrgas zum Beispiel kennt Personalvorstand Achim Middelschulte den Kampf um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus eigener Anschauung: Seine Tochter ist promovierte Juristin und Mutter, und sie lebt ihrem Vater vor, wie sich beides kombinieren lässt. Dass Middelschulte sich für die Familienfreundlichkeit der Firma einsetzt, »hängt sicher auch mit dieser Erfahrung zusammen«, sagt von Falkenhausen.

Noch hat es sich allerdings nicht überall herumgesprochen, dass die Familienverträglichkeit nicht allein ein Problem der Frauen ist. »Männer müssen als Betroffene angesprochen werden, nicht so, als ginge sie das Thema Familie nichts an«, sagt Personalexperte Domsch. Dass die Realität davon noch weit entfernt ist - und vielerorts die alte Rollenverteilung gilt, nach der Männer die Familie ernähren und Frauen die Brut aufziehen -, ist auch die Schuld der Gewerkschaften. Heute sehen die Arbeitnehmervertreter ein, dass sie es zu lange versäumt haben, familienfreundlichere Verhältnisse in den Firmen einzufordern. Der Deutsche Gewerkschaftsbund verweist auf eine Projektgruppe, mit der er sich an den Aktionen des Familienministeriums stärker beteiligen wolle; überdies sollen »lokale Bündnisse für Familien« aus Unternehmen, Verwaltungen und Gewerkschaften für eine bessere Familienpolitik sorgen.

Betriebsräte ergreifen nur selten die Initiative

In den Betrieben ist von größeren Gewerkschaftsaktivitäten noch wenig zu spüren. Die IG Metall sei in ihrem Denken nach wie vor in erster Linie eine Organisation männlicher Facharbeiter, mit einer Ehefrau, die zu Hause bleibe oder Teilzeit arbeite, sagt die Bereichsleiterin Frauenpolitik Christiane Wilke (ZEIT Nr. 36/03). »Überraschend selten« meldeten sich Betriebsräte bei ihm, sagt Stefan Becker, bei der Hertie-Stiftung verantwortlich für die Zertifizierung der Unternehmen. »Dabei könnten sie bei diesem Thema punkten.

«Auch bei Rösch ergriff die Firmenleitung die Initiative. Schon in den fünfziger Jahren habe Gründer Gerhard Rösch jeden Mitarbeiter nach der Gratulation zum Geburtstag nach seinem Anliegen gefragt, sagt Personalleiter Huber. »Ein Kindergarten wurde so oft gewünscht, bis wir ihn in den Siebzigern gegründet haben.« Heute schicken auch Mitarbeiter der benachbarten Chemischen Fabrik Tübingen ihre Kinder zu Rösch. Dafür müssen die Mitarbeiter von Rösch nicht mehr um die Firmenparkplätze rangeln - sie können kostenlos beim Nachbarn parken
Quelle: http://www.zeit.de/2004/38/Fam_Unternehmen?term=Dorit