Familien in den Mittelpunkt

Eintrag von Anna-Maria Cramer am | 0 Kommentare

In Deutschland wird genauso viel gearbeitet wie in den USA. Aber häusliche Tätigkeiten und heimische Kinderbetreuung verschlingen zu viel Zeit. Eine bessere Arbeitsteilung ist nötig. Das Wirtschaftswunderland Deutschland, das Herzstück des rheinischen Kapitalismus, die Lokomotive der Europäischen Union, kränkelt seit einigen Jahren. Und aus so manchem deutschen Biergarten klingt der Chor der Wirtschaftsdoktoren: "Wundermedizin vorm Schlafengehn, schönes Laisser-faire ist die beste Medizin! Privatisierungsdragees. Deregulierungsspritzen. Flexible Antifaltencreme. Steuervergünstigungen für Unternehmer. Lohnkürzungen für Arbeitnehmer. Wundermedizin von Doktor Orthodox macht Sie wieder gesund."

Seit den späten 1990er-Jahren hat Deutschland viele der empfohlenen Pillen geschluckt und die institutionelle Struktur des Arbeitsmarkts der in den USA angenähert. Aber die orthodoxe Diagnose beruht, ebenso wie die verordnete Medizin, in weiten Teilen auf Vorurteilen statt auf Fakten.

Was braucht es, um Deutschland zu heilen?

Deutsche, insbesondere Frauen, verwenden mehr Zeit für die traditionelle häusliche Produktion - Essenszubereitung, Kinder- und Altenbetreuung, Putzen - als US-Amerikaner. Mit Zeitbudgetdaten haben wir in Studien gezeigt, dass Deutsche insgesamt ebenso viele Stunden arbeiteten wie Amerikanerinnen, doch verrichteten sie ihre Arbeit viel häufiger im Haushalt. So verbrachten etwa deutsche Frauen mit Kindern unter vier Jahren 18,4 Stunden mit deren Betreuung, während Amerikanerinnen nur 10,8 Stunden dafür aufwandten. Auf der anderen Seite arbeiteten 56 Prozent der US-amerikanischen Mütter Vollzeit, verglichen mit 34 Prozent der deutschen Frauen mit kleinen Kindern. Amerikaner verlagern zuvor in den Haushalten produzierte Leistungen in den Markt, was wir als "Marketization" bezeichnen.

Traditionell gab es in OECD-Ländern mit hoher Geburtenrate weniger erwerbstätige Frauen, aber in den 1990er-Jahren hat sich dieses Verhältnis vollständig umgekehrt. 2003 verzeichnete man in Ländern mit höherer Geburtenhäufigkeit eine höhere Beschäftigungsquote der Frauen. Angesichts dieser Daten gibt es keinen Grund zu glauben, dass zwischen dem Wunsch, die Geburtenhäufigkeit anzuheben, und dem Wunsch, die Erwerbstätigkeit von Frauen zu steigern, ein Widerspruch existieren würde.

Kita-Ausbau ist vordringlich

Die vordringlichste unterstützende Politikmaßnahme ist der Ausbau von Kindertagesstätten, was im Allgemeinen mit einer verstärkten Erwerbsbeteiligung von Frauen sowie mit einer Ausdehnung ihrer Arbeitszeiten einhergeht. Auch die Erweiterung des täglichen Schulunterrichts, die Einführung von Mittagessen und Betreuungsprogrammen in den Schulen würden es ermöglichen, dass Frauen mit Kindern leichter einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen könnten. Viele Schulbezirke in den USA haben von Eltern finanzierte Hortprogramme, die den Kindern eine Spiel- und Lernumgebung nach dem regulären Unterrichtsende bieten. In den skandinavischen Ländern gibt es staatliche Programme, die dem gleichen Zweck dienen. Damit die angebotsseitigen Maßnahmen in größerem Umfang Früchte tragen, müssten sich die Firmen entschließen, die Aufstiegsmöglichkeiten sowie die Förderung und Fortbildung von Frauen zu restrukturieren, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen.

Politische Maßnahmen, die eine Marketization häuslicher Tätigkeiten unterstützen, besitzen nicht nur das Potenzial, die Zeit von gut ausgebildeten und erfahrenen Frauen dem Markt zur Verfügung zu stellen. Sie können auch die Nachfrage nach Arbeitskräften steigern, weil eine Marketization der häuslichen Produktion einen Ersatzbedarf nach Gütern und Dienstleistungen, die zuvor im Haushalt produziert wurden, am Markt schafft.

Wenn mehr gut ausgebildete Frauen Vollzeit arbeiten, steigt die Nachfrage nach Arbeitskräften, die am Markt Ersatz für die reduzierte häusliche Produktion anbieten. Folglich wird ein größerer Bedarf an LehrerInnen, BetreuerInnen, KöchInnen und anderen Gastronomieberufen sowie an häuslichen Reinigungskräften und ähnlichen Tätigkeiten bestehen. In den USA sind in der Gastronomie ungefähr zweimal so viele Personen pro Kopf der Bevölkerung beschäftigt wie in Europa, und zwar aufgrund von Marketization häuslicher Dienstleistungen.

Wenn die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Deutschlands teilweise auf zu geringe Konsumausgaben zurückzuführen sind, was ein vernünftiges Argument zu sein scheint, dann bieten familienpolitische Maßnahmen, die eine Marketization der häuslichen Produktion bewirken und die die Geburtenhäufigkeit steigern, eine Möglichkeit, den privaten Konsum zusätzlich anzukurbeln.

Der Wachstumsimpuls, den Keynesianer der Defizitfinanzierung zuschrieben und den konservative Ökonomen von Steuererleichterungen für die Reichen erhofften, lässt sich womöglich in familienpolitischen Maßnahmen finden, die mehr Frauen Anreize bieten, Kinder zu bekommen und gleichwohl den Beruf auszuüben.

Um die Erwerbstätigkeit und die Arbeitszeiten von Frauen in Deutschland auszudehnen und um es ihnen zu ermöglichen, Beruf und Familie zu vereinbaren, ohne die Karriere zu gefährden, muss Familienpolitik aus ihrer Randständigkeit herausgeholt und in den Mittelpunkt der politischen Aufmerksamkeit gestellt werden.

Richard B. Freeman ist Professor an der Harvard University, Direktor National Bureau of Economic Research (NBER) und Center for Economic Performance der London School of Economics.

Der Text basiert auf seinem Beitrag zu der neuen Aufsatzsammlung der Friedrich-Ebert-Stiftung: "Aufschwung für Deutschland - Plädoyer international renommierter Ökonomen für eine neue Wirtschaftspolitik", Hg. Ronald Schettkat, Jochem Langkau, Bonn 2007.

Quelle: www.ftd.de/politik/deutschland/:Kommentar%20Familien%20Mittelpunkt/223606.html


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