Diese Studie des Institut für Mittelstandsforschung (IfM) untersucht, welche familienfreundlichen Maßnahmen im Mittelstand vorhanden sind und analysiert Gründe, Probleme und Voraussetzungen der erfolgreichen Einführung in Unternehmen.Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn untersuchte 2003 in der vorliegenden Studie "Familienfreundlichkeit im Mittelstand" betriebliche Strategien zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Mittelstand. Die Studie bietet einen Überblick über den Umfang und die Art des tatsächlichen Angebots von familienfreundlichen Maßnahmen in kleinen und mittleren Unternehmen. Dafür wurden 759 Unternehmen befragt und 23 Fallstudien analysiert.
Überblick über die von mittelständischen Unternehmen gewählten Maßnahmen. Zwei Drittel (68%) aller befragten Unternehmen bieten mindestens eine familienfreundliche Maßnahme an. Am häufigsten wird die Möglichkeit der familienfreundlichen Arbeitszeitgestaltung gewählt: 51% der Unternehmen bieten diese Möglichkeit an. An zweiter Stelle folgen mit 42% familienfreundliche Urlaubsregelungen in der Regel dürften dies Richtlinien zur Koordinierung der Urlaubszeiträume der Mitarbeiter sein. 16% der Unternehmen bieten Sonderurlaub an und reagieren damit auf Freistellungsbedürfnisse der Mitarbeiter. 10% der Unternehmen halten die Möglichkeit zur Telearbeit vor, 5% gewähren familienbezogene Vergütungsbestandteile. Nur 2% bemühen sich um Kontakthaltung zu Mitarbeitern in Elternzeit und 1% unterstützen Mitarbeiter bei der Kinderbetreuung.
Fast jedes fünfte Unternehmen reagiert zudem flexibel mit Einzelfalllösungen auf individuelle Bedürfnisse von Mitarbeitern, wenn unerwartete Ereignisse die Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter beeinträchtigen (wie z.B. in Fällen von kurzfristiger Pflegebedürftigkeit von Familienmitgliedern). Branchen mit einem hohen Bedarf an Fachkräften wie das Verarbeitende Gewerbe oder die Dienstleistungssektoren ergreifen eher auch kostspielige Maßnahmen wie Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Telearbeit oder Kinderbetreuung. Branchen mit vielen Jedermann-Arbeitsplätzen (z.B. der Handel) nutzen dagegen überwiegend kostengünstige Maßnahmen wie Urlaubsregelungen. In den Unternehmen, in denen Organisationsprobleme aufgrund von Elternzeit oder Mutterschutzurlaub auftraten, wurden häufiger als in anderen Unternehmen Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie eingesetzt.
Gründe für die Einführung familienfreundlicher Maßnahmen. Hauptmotiv für die Einführung familienfreundlicher Maßnahmen ist in den meisten Unternehmen die Schwangerschaft qualifizierter Mitarbeiterinnen. Dieser Umstand führt in der Mehrzahl der Fälle dazu, dass die Unternehmen sich überhaupt mit diesem Thema beschäftigten und Maßnahmen einführen, um die Mitarbeiterinnen zu halten und baldmöglichst zurück zu gewinnen. Weitere Gründe für familienfreundliche Maßnahmen sind: Notwendigkeit zur Entkoppelung von Betriebs- und Arbeitszeiten. Betriebszeiten werden immer häufiger durch den Trend hin zur Servicebereitschaft bestimmt (Öffnungszeiten bis 20.00 Uhr, Ansprechzeiten 24Stunden etc.). Ladenöffnungs- und Diensterbringungszeiten haben bei Betrieben unter 20 Mitarbeiter eine höhere Bedeutung als in größeren Betrieben. Kleinere Handwerks- und Gastronomiebetriebe sowie Freie Berufe sind häufig für private Haushalte tätig und orientieren sich stärker an den Konsumzeiten der Bevölkerung. Damit wird es erforderlich, Betriebs- und Arbeitszeiten zu entkoppeln, die bisherigen Arbeitszeitformen zu überdenken und flexible Arbeitszeiten einzuführen. Grade in kleinen und mittleren Betrieben erhöht sich deshalb die Zahl der Teilzeitstellen und diese Form der Flexibilisierung wird häufiger genutzt als in größeren Betriebseinheiten. Es zeigt sich, dass in größeren Unternehmen eine größere Bandbreite an Arbeitszeitmodellen angeboten wird, in kleineren Unternehmen allerdings häufiger individuelle, informelle Absprachen getroffen werden.
Arbeitsausfälle wegen Familienpflichten
Da Unternehmen auch auf die familienbedingten Verpflichtungen ihrer Mitarbeiter eingehen müssen, wenn sie deren Motivation erhalten und Fehlzeiten gering halten wollen, ist dies ein weiterer Grund für familienfreundliche Maßnahmen. Die Statistik zeigt, dass 2/3 der Unternehmen von Arbeitsausfällen wegen Krankenpflege von Kindern oder Angehörigen betroffen sind, 47% sind von Ausfällen wegen der Betreuung von Kleinkindern betroffen, 16% wegen der Pflege älterer oder behinderter Familienangehöriger und 10% wegen Belastungen durch Schulprobleme der Kinder. <
Öffnungszeiten der Kinderbetreuungseinrichtungen
Weiterhin müssen Unternehmen auf Familienbelange Rücksicht nehmen, die sich aus den Arbeitszeitwünschen der kindererziehenden Arbeitnehmer ergeben, die wiederum auf dem Angebot und den Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen beruhen. Vielfach stimmen die Öffnungszeiten von Krippen und Kindergärten nicht mit den Arbeitszeiten der Unternehmen überein, sodass Regelungen getroffen werden müssen, die Eltern diese Diskrepanz überbrücken helfen.
Rechtliche Vorgaben
Auch rechtliche Vorgaben verlangen die Berücksichtigung familiärer Belange. So sind Arbeitgeber unter anderem verpflichtet, bezahlte Freistellungen zu gewähren, wenn Arbeitnehmer durch familiäre Ereignisse wie eigene Heirat, Geburten, Todesfälle etc. oder Erkrankungen der Kinder in ihrer Arbeitsfähigkeit betroffen sind.
Hindernisse bei der Einführung und Umsetzung familienfreundlicher Maßnahmen
Das größte Hindernis bei der Einführung familienfreundlicher Maßnahmen stellt für Arbeitgeber der Informations- und Organisationsaufwand dar (70,3% der Befragten gaben dies an). Erst danach werden wirtschaftliche Probleme als Hindernis angegeben (50,9%) sowie traditionelle gesellschaftliche Vorstellungen oder gewerkschaftliche Vorbehalte (je 25%).
Die Mehrzahl der befragten Unternehmen äußerte den Bedarf an Informationen zum Thema familienfreundliche Maßnahmen und der Mangel davon ist der Hauptgrund, der die Einführung familienfreundlicher Maßnahme verhindert. Viele Arbeitgeber scheuen die Kosten, die die Beschaffung von Informationen bezüglich der Rechts- und sonstigen Vorschriften für familienfreundliche Maßnahmen mit sich bringen. Trotzdem sind die Autoren der Studie der Meinung, dass viele Maßnahmen trotz des Aufwands für Information und Organisation relativ preiswert sind, wenn die Opportunitätskosten dafür betrachtet werden, dass eine eingearbeitete Fachkraft das Unternehmen verlässt und ein Ersatz gefunden werden muss.
Folgende Probleme waren bei den befragten Unternehmen bei der Umsetzung familienfreundlicher Maßnahmen von Bedeutung: ·
Eingefahrene Denkstrukturen: In einigen Unternehmen äußerten Mitarbeiter und Führungskräfte Bedenken gegenüber familienfreundlichen Maßnahmen, wie zum Beispiel flexiblen Arbeitszeiten, da die Umstellung von gewohnten auf neue Regelungen schwer fiel. Mitarbeitern war die gewonnene Freiheit durch mehr Flexibilität suspekt, Führungskräfte waren an hierarchisches Denken gewohnt und konnten sich nur schwer an ein teamorientiertes Arbeiten gewöhnen.
Ungleichverteilung der Arbeitsbelastung: In einigen Fällen mussten die im Betrieb anwesenden Mitarbeiter die Arbeit von Mitarbeitern, die Telearbeit nutzten, zum Teil übernehmen. Dies führte zu Unzufriedenheit.
Abstimmungs- und Koordinationsschwierigkeiten: Durch die erhöhte Flexibilität, die mit familienfreundlichen Maßnahmen einhergeht, war häufig auch ein Mehraufwand an Organisation und Kommunikation notwendig, der nicht immer reibungslos funktionierte.
Unternehmensgrößenspezifische Aspekte: Kleinere Unternehmen hatten größere Probleme aufgrund von Personalknappheit, Notvertretungen für familiär bedingte Fehlzeiten von Mitarbeitern zu organisieren. Dafür ist in der Regel ein hinreichend großer Mitarbeiterstab die Voraussetzung.
Telearbeit - kein Ersatz für Kinderbetreuung: Telearbeit erwies sich bei den befragten Unternehmen zwar als eine Maßnahme für größere Zeitsouveränität, konnte dagegen aber nicht als Ersatz für Kinderbetreuung dienen, da Arbeit am Telearbeitsplatz mit gleichzeitiger Kinderbetreuung nicht möglich war.
Rechtliche Vorgaben: Vor allem im Bereich der Kinderbetreuung tauchten in den Unternehmen viele Unsicherheiten auf, was die rechtlichen Vorgaben betraf. Die Vielzahl der Vorschriften und die Unkenntnis über das korrekte Vorgehen und die zuständigen Stellen erschwerten die Umsetzung von Maßnahmen in diesem Bereich.
Einfluss verschiedener Faktoren auf die Einführung für oder gegen familienfreundliche Maßnahmen
Viele Faktoren haben Einfluss darauf, ob familienfreundliche Maßnahmen in einem Unternehmen eingeführt werden. Besonders wichtige Einflussfaktoren liegen in der Person des Entscheiders und in seinem persönlichen Lebensumfeld begründet. Ist einer Unternehmerperson die Bedeutung der Familienarbeit bewusst und betont sie, dass sie durch die Übernahme der Familienarbeit bezüglich Haushaltsführung und Kinderbetreuung durch einen/e Partner/in bei der Erfüllung der beruflichen Aufgaben entlastet wird, dann steigt unter sonst gleichen Bedingungen die Wahrscheinlichkeit für das Vorhandensein familienfreundlicher Maßnahmen im Unternehmen. Auch wenn es in der Unternehmerfamilie selbst eine hohe Anzahl Kinder gibt, werden ebenfalls eher familienfreundliche Maßnahmen ergriffen. Betreut jedoch (vorwiegend) der/die Partner/in die Kinder zu Hause, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass im Unternehmen familienfreundliche Maßnahmen zu finden sind.
Auch die Verfolgung von Führungskonzepten, die männliche und weibliche Mitarbeiter in betriebliche Entscheidungen einbeziehen und auf Innovationsstrategien setzen, steigert die Wahrscheinlichkeit, dass familienfreundliche Maßnahmen umgesetzt werden. Dagegen sinkt sie, wenn vor allem finanzielle, ökonomische Ziele mit der Selbständigkeit verfolgt werden.
Besonders interessantes Ergebnis: Die generelle Bereitschaft, familienfreundliche Maßnahmen anzubieten, hängt nach Erkenntnis der Autoren nicht von der Unternehmensgröße ab.
Voraussetzungen für den Erfolg familienfreundlicher Maßnahmen
Die Autoren der Studie empfehlen die Inanspruchnahme von professionellen Beratern in etwas größeren Unternehmen, um nachhaltige Maßnahmen erfolgreich einzuführen. In kleineren Unternehmen funktioniert die Umsetzung von Einzelfalllösungen meist auf Zuruf.
Eine weitere wichtige Voraussetzung ist die Partizipation der Mitarbeiter im Einführungsprozess. Das Mitentscheiden schafft Identifikation, so dass die Maßnahmen auch von den Mitarbeitern mitgetragen werden.
Des Weiteren ist die Beachtung des Gleichbehandlungsgrundsatzes eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Maßnahmen von den Mitarbeitern mitgetragen werden. Auf diese Weise kann Vorbehalten gegenüber einer bevorzugten Behandlung von Mitarbeitern mit Familie entgegengewirkt werden.
Fazit
Fast alle Befragten sind im Grundsatz der Meinung, dass sie das mit der Einführung von familienfreundlichen Maßnahmen angestrebte Ziel "die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie" vollständig durch die Einführung der gewählten Maßnahmen erreicht haben und über motivierte Mitarbeiter sowie eine hohe Mitarbeiterbindung verfügen.
Quelle: "Familienfreundlichkeit im Mittelstand - Betriebliche Strategien zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie", Institut für Mittelstandsforschung, Bonn, 2003