Familienkompetenzen: Unterschätztes Potential in der Personalpolitik

Anna-Maria Cramer

Um die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und am Markt dauerhaft bestehen zu können, nutzen viele Firmen das so genannte Qualitätsmanagement, das heißt mittels durchorganisierter und kontrollierter Arbeitsabläufe die Produktivität im Unternehmen zu optimieren. Bisher spielten hierbei die in der Familienarbeit erworbenen Qualifikationen der MitarbeiterInnen eine untergeordnete Rolle. Diese Sichtweise wird sich in der Zukunft ändern!Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat im Rahmen eines Projektes die Möglichkeiten der "Implementierung von Familienkompetenzen in Beruf und Weiterbildung" untersucht und dabei festgestellt, dass viele Menschen sich überhaupt nicht bewusst sind, was sie abseits von Schule/Ausbildung und speziell in der Familie gelernt haben und was sie überhaupt alles können. Das Einbringen solcher indirekt erworbener Kompe-tenzen in die Arbeitswelt wird durch die geringe Anerkennung solcher "Lernorte" erschwert bzw. verhindert - auch wenn im beruflichen Alltag viele dieser Fähigkeiten ganz selbstverständlich genutzt und gefordert werden. Das Problem besteht also in der Übertragbarkeit auf die Arbeitswelt.

Das DJI-Bulletin Nr. 65 beschreibt die Entwicklung einer "Kompetenzbilanz" um die in informellen (z.B. häuslichen) Kontexten erworbenen Fähigkeiten zu erkennen und als Leistungspotentiale für ArbeitnehmerInnen und Unternehmen zu erschließen. Damit soll eine bessere Verbindung von Familie und Beruf sowie eine gerechtere Verteilung von Familien- und Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern erzielt werden.

Befragt wurden 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 30 privaten und öffentlichen Unternehmen, die in der Erprobungsphase des Projektes mit dem Instrument der Kompetenzbilanz gearbeitet haben. Zitat aus dem DJI-Bulletin Nr. 65: "Aus familienpolitischer Sicht von besonderem Interesse war die Einschätzung, welche der vorgegebenen Kompetenzen durch Familientätigkeit neu erworben bzw. weiterentwickelt wurden oder welche unbeeinflusst blieben. Neu erworben wurden vor allem die Fähigkeiten, »mit Zeit verantwortlich umgehen können«, »für das eigene Leben Ziele nennen und auch umsetzen können« sowie »mit verschiedenen Dingen gleichzeitig umgehen können."

Bisher wurden solche Befähigungen überwiegend den Müttern eingeräumt, da diese Befragung jedoch beide Elternteile berücksichtigte, wurde festgestellt, dass sich auch die Väter durch die Familienarbeit weiterentwickeln. Zitat aus dem DJI-Bulletin Nr. 65: "Die Väter profitieren vor allem im Hinblick auf ihre Fähigkeiten »auf Wirtschaftlichkeit und Qualität achten«, »schwierige Situationen erfassen und damit umgehen können«, »mit verschiedenen Anforderungen gleichzeitig umgehen können«, »unterschiedliche Interessen anerkennen« sowie »sich in andere Personen versetzen können«. Auch Kompetenzen wie »Interessen anderer wahrnehmen können«, »Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen« und sich »seiner Stärken und Schwächen bewusst werden« wurden durch Familientätigkeit erweitert. Deutlich häufiger als bei den Müttern bleiben bei ihnen allerdings viele der aufgeführten Kompetenzen von der Familientätigkeit unbeeinflusst. Dazu gehören vor allem Fähigkeiten wie »delegieren können«, »sich selbständig Informationen beschaffen können« oder »eigene Ideen in neue Situationen einbringen können«."

Worin liegt demzufolge der Nutzen der Kompetenzbilanz für Unternehmen?

  • Bessere Definition der Softskills als Mittel zur Anwendung und Bewusstmachung sowohl bei MitarbeiterInnen als auch bei BewerberInnen, um Kompetenzen, die nicht direkt dem Fachwissen entspringen, zu sehen und beruflich zu nutzen.
  • Planung eines gezielten Personaleinsatzes und unterstützendes Werkzeug für die Rekrutierung von Fach- und Führungskräften
  • Basis für eine optimale Personalentwicklung

Fazit:
Im Hinblick auf die stetige Globalisierung der Arbeitswelt wird Erfolg oder Scheitern eines Unternehmens im zunehmenden Maße weniger vom Fachwissen der MitarbeiterInnen abhängig sein. Vielmehr liegt die entscheidende Effektivität in der produktiven Anwendung von "weichen Kompetenzen" (Softskills) wie Kommunikations- und Teamfähigkeit, Belastbarkeit, Ausgleichsbereitschaft und Einfühlungsvermögen.

Quelle: Newsletter www.fast-4ward.de, 15.04.2004