Telearbeit: Per Mausklick im Geschäft

Anna-Maria Cramer

Telearbeit ist eine Arbeitsform der Zukunft, da sind sich Experten einig. Was Sie wissen sollten, um vielleicht auch Ihren Arbeitgeber vom Tele-Trend zu überzeugen.Allianz und BMW haben sie, die Commerzbank und IBM, Quelle und die Telekom, mehrere hundert mittelständische Unternehmen sowie zahlreiche öffentliche Verwaltungen. Die Telearbeit boomt. Vor allem in Deutschland. Hier hat sich die Zahl der Teleworker seit 1994 mehr als verdreifacht. Macht inzwischen etwa 2,1 Millionen, etwa sechs Prozent aller Beschäftigten. "Das Potenzial der Telearbeit ist in Deutschland aber bei weitem noch nicht erschlossen", sagt Thomas Allner vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, das sich mit Projekten der Telearbeit beschäftigt. Schätzungsweise rund vier Millionen Bundesbürger könnten per Telearbeit ihr Einkommen haben. Nicht mehr ständig in der Firma am Schreibtisch sitzen, sondern mit seinem Unternehmen auch von zu Hause aus in Kontakt stehen per Computer, E-Mail und ISDN-Telefon oder unterwegs per Laptop und Handy - das wird in nicht allzu ferner Zukunft immer mehr traditionelle Beschäftigungsverhältnisse ersetzen. So die Prognose ausgewiesener Experten wie Norbert Kordey vom Beratungsunternehmen "empirica".

Frauen müssen dranbleiben
Geht die Entwicklung weiter wie bisher, dürften es allerdings vorwiegend Männer sein, die von der Arbeit der Zukunft profitieren. Schon jetzt stellen sie etwa drei von vier Teleworkern. Das Bild vom Heimchen am Computer, das nur Daten erfasst, die andere vorher ausgearbeitet haben, stammt aus den 80er Jahren, als die neuen Techniken in Teleheimarbeit erprobt wurden. Ohne Anbindung an den Betrieb, ohne Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch, oft genug auch noch auf eigene Rechnung, weil das Unternehmen einfache Tätigkeiten an (Schein-) Selbständige ausgelagert hatte. Heute dagegen tüfteln hoch qualifizierte Leute mit ausgefeilter Software an neuen PR- oder Vertriebskonzepten, Informatiker, Controller, Grafiker oder Architekten sind online mit ihren Firmenzentralen oder Kunden in Kontakt. Jetzt heißt es, den Anschluss zu behalten, betont Professor Gabriele Winker von der Fachhochschule Furtwangen: "Telearbeit ist eine Chance für Frauen, drinzubleiben und dranzubleiben - aber nur, wenn sie auch bei der modernen Multimedia-Technik mithalten. Sonst besteht die Gefahr, dass die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung noch weiter auseinander driftet."

Telejobs sind gefragt
Nach der europäischen empirica-Studie wünschen sich immerhin zwei Drittel der hoch qualifizierten und jede zweite der weniger gut ausgebildeten Frauen einen solchen Online-Job. Auch wenn sich sehr schnell gezeigt hat: Telearbeit ist keineswegs jene Zauberformel zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, als die sie anfangs sehr werbeträchtig vermarktet wurde. Eine vernünftige Kinderbetreuung muss in jedem Fall her - egal, ob die Mutter morgens in die Firma fährt oder zu Hause in ihrem Arbeitszimmer sitzt.

Dann aber stehen die Chancen für einen Telejob nicht schlecht: Europaweit wären im Prinzip quer durch alle Branchen zwei Drittel aller Arbeitsplätze zumindest für einen Tag in der Woche mit Online-Anbindung zu organisieren.

Auch verschiedene Bundesländer haben die Chancen der New Economy erkannt. Nordrhein-Westfalen zum Beispiel fördert mit der "Initiative TeleArbeit NRW" zahlreiche Projekte in Wirtschaft und Verwaltung. Bayern hat im Rahmen seines Programms "top elf" 24 Telezentren in verschiedenen Landkreisen eingerichtet. Und Hamburg vernetzt seit kurzem Behördenrechner mit häuslichen Arbeitsplätzen von Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Gewisse Risiken sind bei der Telearbeit nicht von der Hand zu weisen: Gefahr der sozialen Isolation, zu wenig Abgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben, Werk- und Honorarverträge statt fester Anstellung. Dennoch überwiegen für die meisten Tele-Beschäftigten die Vorteile. Sie haben erfahrungsgemäß mehr Eigenverantwortung, sind produktiver, kreativer und zufriedener im Job. Zudem können sie ihre Zeiten flexibler einteilen und Fahrten zwischen Wohnung und Betrieb einsparen. Der erfreuliche ökologische Effekt: Teleworker stehen nicht mehr täglich im Stau, fahren im Jahr rund vier Milliarden Kilometer weniger mit dem Auto.

Und die Unternehmen, die bereits Telearbeit praktizieren, ziehen meist auch für sich eine positive Bilanz: Sie können qualifizierte Arbeitskräfte halten, flexibler auf Aufträge reagieren, den Kundenservice verbessern, und die Kosten für Büroräume sinken.

Skepsis gegenüber der neuen Technik machte sich vor allem in kleinen und mittleren Betrieben breit. Viele Chefs fürchteten, die Kontrolle über die Teleworker zu verlieren, sahen Probleme bei der Datensicherheit oder sorgten sich um die Arbeitsqualität. Um solche Vorbehalte abzubauen, hatte das Bundeswirtschaftsministerium 1997 gemeinsam mit der Deutschen Telekom die Initiative "Telearbeit im Mittelstand" ins Leben gerufen. Mit großem Erfolg: 1700 Arbeitsplätze wurden in Telejobs umgewandelt oder ganz neu eingerichtet. Kompetente Information zahlt sich also aus. Denn oft weiß die Unternehmensführung einfach nicht genug über die verschiedenen Möglichkeiten, diese zukunftsträchtige Arbeitsform zu realisieren.

Telearbeit von A - Z
Teleheimarbeit: findet ausschließlich in der Wohnung der Teleworkerin statt. Meist nur üblich bei freien Mitarbeiterinnen oder (Schein-)Selbständigen.

Alternierende Telearbeit: Angestellte eines Unternehmens wechseln regelmäßig zwischen dem Büro im Betrieb und dem Office zu Hause, allgemeine Rechte und Pflichten der Arbeitnehmer bleiben bestehen.

Mobile Telearbeit: praktizieren diejenigen, die viel unterwegs sind und online mit Unternehmen Kontakt halten, als Selbständige oder Angestellte, zum Beispiel Außendienstler, Handelsvertreter, Servicetechniker.

Supplementäre Teleworker: häufig Top-Spezialisten oder Führungskräfte, die auch bei einer 60-Stunden-Woche noch nachts am Computer sitzen und am Wochenende E-Mails durchschauen.

Satellitenbüros: ausgelagerte Arbeitsplätze eines Unternehmens, online und per Telekommunikation verbunden mit der Zentrale. Werden möglichst wohnortnah für die Beschäftigten eingerichtet.

Nachbarschaftsbüros: stellen Räume und Technik für mehrere Unternehmen oder auch für Selbständige zur Verfügung. Meist in Wohngebieten oder am Stadtrand.

Virtuelles Büro: Arbeitnehmer bis hin zum Management sind ohne festen Firmensitz und erledigen ihre Aufgaben gemeinsam nur noch online oder per Telefon.

Teleservicecenter / Telehäuser: öffentlich geförderte Einrichtungen oder private Firmen, die über die neuen Medien Dienstleistungen aller Art anbieten - vom üblichen Telefon- oder Schreibservice über Handwerker-Vermittlung, Übersetzungsdienst oder Call-Center bis hin zum Design-Büro, Verkaufs- oder Beratungsservice. Gutes Job-Angebot gerade in strukturschwachen ländlichen Gebieten. Zur Zeit gibt es in Deutschland mehr als 200 solcher Einrichtungen, und ihre Zahl steigt ständig.

Infos für Wiedereinsteigerinnen
Ähnlich wie bei der Gesellschaft für berufliche Weiterqualifizierung (GfQ) in Wiesbaden werden Wiedereinsteigerinnen oder arbeitslose Frauen auch in anderen Regionen für die neue Arbeitsform qualifiziert, so beispielsweise über das Teleworkingcenter in Ganderkesee » (www.teleworkingcenter.de) oder im Tele Service Odenwald » (www.tesoag.de). Das "Virtuelle Gründerzentrum für Telearbeit" » (www.vgz.de) in Berlin berät auch Freiberuflerinnen, die sich mit der Telearbeit einen eigenen Arbeitsplatz schaffen wollen.

Infos im Netz
www.telejobservice.de Informationen vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie zum Thema Telearbeit für Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Mit Test, ob Telearbeit für Sie das Richtige wäre.

www.onforte.de Beratung verschiedener Gewerkschaften - sehr informativ: "32 Fragen und Antworten" im "Forum".

www.telewisa.de Gewerkschaftlicher Service mit aktuellen Frauen-Infos und Checkliste für Einsteigerinnen.

www.empirica.de Beratungsunternehmen, u.a. mit Studien zur Telearbeit in Europa.

www.ta-telearbeit.de Beratungsunternehmen, u. a. für die Einführung von Telearbeit.

www.bmwi.de Unter "Publikationen" zum Downloaden: "Telearbeit im Mittelstand - Erfahrungen aus der Praxis" und "Telearbeit - Ein Leitfaden für die Praxis".<

www.datel.dlr.de Bundesinitiative "Datensichere Telearbeit in kommunalen Verwaltungen"; Wettbewerb zur Schaffung neuer Arbeitsplätze.

www.newplan.de Börse mit Angeboten für selbständige Teleworker.

Bücher zum Thema
Telearbeit - Ein Leitfaden für die Praxis, herausgegeben u.a. vom Bundesministerium Wirtschaft und Technologie. Bestellfax 0228/4223-462 oder per E-Mail: bmwi@gvp-bonn.de

Telearbeit - Probleme und Perspektiven, eine Broschüre der Gleichstellungsstelle Neuwied. Zu bestellen bei der Gleichstellungsstelle Neuwied, Postfach 2161, 56562 Neuwied, Tel.: (02631) 803-410.

Basisinformation Telearbeit, herausgegeben vom OnlineForum Telearbeit. Zu bestellen über 01805/ 245678 oder per Fax 069/ 66163280.

Telearbeit - Fakten, Standpunkte, Praxishilfen. Materialien für Arbeitnehmerinnen. ÖTV, Bundesfrauensekretariat, Postfach 103662, 70031 Stuttgart, Fax 0711/2097-166.

Selbständig mit Telearbeit. Leitfaden für Freiberuflerinnen. Virtuelles Gründerzentrum für Telearbeit (Orlanda, 7,50 Euro).

Telearbeit erfolgreich realisieren. Das umfassende, aktuelle Handbuch für Entscheidungsträger und Projektverantwortliche. Von Norbert Kordey, Werner B. Korte (Vieweg, 110 Euro).

So überzeugen Sie Ihren Chef
Selbst in speziellen Online-Börsen wie www.telearbeitsvermittlung.de ist das Angebot eher mager. Die meisten Unternehmen vergeben Telejobs intern, weil sich zwar die Arbeitsform, aber nicht die Aufgaben ändern. Deshalb kommt es auch entscheidend auf Ihre Initiative an. Hier nur einige Anhaltspunkte - die diversen Aspekte (z. B. technische, rechtliche und arbeitsvertragliche Fragen, u. a. das Rückkehrrecht auf einen ausschließlich betrieblichen Arbeitsplatz) müssen später detailliert geklärt werden.

In der Personalabteilung, beim Betriebsrat oder auch in der Chefetage erfahren Sie, ob Telearbeit in der Firma schon praktiziert wird. Oder ob sie überhaupt machbar wäre. Dann sollten Sie checken, ob Sie als Teleworkerin geeignet sind.

Zum Beispiel:
- Lassen sich Ihre Aufgaben außerhalb Ihres betriebsinternen Büros erledigen?
- Können Sie gut und gern allein arbeiten?
- Haben Sie zu Hause ein eigenes Arbeitszimmer, in dem Sie ungestört sind?
- Kennen Sie sich mit den neuen Medien aus?
- Haben Sie genug berufliches Know-how und Erfahrung?

(Weitere Punkte zum Selbsttest finden Sie u.a. unter www.hamburg.de/Wirtschaft - dort: Informationssystem Telearbeit.)

  • Erkundigen Sie sich bei Experten (siehe Online-Infos) nach erfolgreichen Beispielen aus anderen Unternehmen. Dort gibt es meist entsprechende Betriebsvereinbarungen; Telekom und Postgewerkschaft haben sogar einen Tarifvertrag abgeschlossen, nach dem alternierende und mobile Telearbeit zur Regelarbeitsform werden können.
  • Machen Sie einen genauen Plan, wie sich Ihre Arbeit per Teleworking organisieren ließe und wie viele Tage Sie zu Hause bzw. in der Firma verbringen möchten.
  • Schildern Sie im Unternehmen die Vorteile, die Telearbeit allen Beteiligten bringt, und überlegen Sie im Vorwege, wie sich Gegenargumente entkräften lassen.
  • Überzeugen Sie Ihre Vorgesetzten, dass Sie auch zu Hause motiviert, diszipliniert und vor allem ungestört arbeiten können, zum Beispiel, weil Sie während der Arbeitszeit für eine Kinderbetreuung gesorgt haben.

Quelle: http://www.brigitte.de/job/a_z/telearbeit/index.html