Wiedereinstieg - 'Ich will aus dem Haus'

Eintrag von Anna-Maria Cramer am | 0 Kommentare

Nordhannoversche Zeitung vom 08.04.2006
Nach der Babypause ist die Rückkehr ins Berufsleben viel zu oft ein schwieriges Unterfangen. Sie ist gelernte Industriekauffrau, studierte Volkswirtin, fit im Englischen, EDV-mäßig auf dem neuesten Stand - und 48 Jahre alt. Als sich Brigitte Wiengarten vor einigen Monaten bei ihrer Arbeitsagentur in Hannover meldete, weil sie nach zehnjähriger Pause zurück ins Berufsleben wollte, musste sie sich anhören, dass es "ab 40 nichts mehr gibt". Man schickte sie in einen BWL-Kursus. "Den musste ich machen", sagt Wiengarten. "Aber da habe ich nichts Neues gelernt." Wiengarten sucht "einen ganz normalen Bürojob". Sie ist inzwischen schon so verzweifelt, dass sie auch schon ohne Entgelt arbeiten wollte. Sie will nur eines: "Aus dem Haus."

So wie Wiengarten geht es vielen Frauen, die wegen der Kinder ein paar Jahre lang zu Hause geblieben sind und wieder arbeiten wollen. Die Rückkehr ins Erwerbsleben ist ein schwieriges Unterfangen - weil es zu wenig Jobs gibt und weil die Arbeitswelt viel zu oft nicht familienfreundlich genug ist.

In Niedersachsen kümmern sich 15 Koordinierungsstellen des Sozialministeriums um die berufliche Förderung von Frauen. Ihre wichtigste Aufgabe ist dabei die Beratung von Erziehungsurlauberinnen und Berufsrückkehrerinnen. Inzwischen reift aber immer mehr die Erkenntnis, dass die Einrichtung von Beratungsstellen für Mütter, die wieder arbeiten wollen, und das Anbieten von Qualifizierungsmaßnahmen allein nicht ausreichen. In den Unternehmen muss umgedacht werden. Die Koordinierungsstellen gehen deshalb auch direkt auf die Betriebe zu.<br><br>Das Bundessozialministerium unterstützt das Umdenken in deutschen Unternehmen gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung mit der Initiative "Mittelstand und Familie". Die Botschaft lautet: Familienfreundlichkeit kann angesichts des drohenden Fachkräftemangels in der alternden Gesellschaft zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil für Betriebe werden. Das Internet-Portal www.mittelstand-und-familie.de versteht sich als "virtuelle Personalabteilung", die Unternehmen bei allem unterstützt, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert.

Manchmal steht aber gar nicht die mangelnde Familienfreundlichkeit in vielen Betrieben oder schlicht das Fehlen eines Jobangebots der Rückkehr ins Arbeitsleben nach der Elternzeit im Weg, sondern die Angst vor der eigenen Courage. Wie soll ich bloß den Haushalt schaffen, wenn ich wieder arbeiten gehe? Diese Frage stellt sich so manche Mutter, wie Silke Lange-Hartmann immer wieder hört. Viele suchen dann nämlich Hilfe bei ihr. Lange-Hartmann ist selbstständige Organisationsberaterin für private Haushalte.

Die Mutter von drei Kinder hilft seit 2004 anderen Frauen in und um Hannover bei der Rückkehr ins Berufsleben. Sie selbst hatte nach der Babypause einen Teilzeitjob angenommen. Da ihr Mann aber von 6 bis 19 Uhr werktäglich aus dem Haus ist und sich keine neue Tagesmutter finden ließ, nachdem eine krank geworden war, gab sie den Job wieder auf. Zwei Jahre lang machte sie danach ein Praktikum in einer Tischlerei. Nebenbei plante sie aber bereits ihre Selbstständigkeit - für Silke Lange-Harmann die beste Möglichkeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen.

Berufsrückkehrerinnen aus Hannover werden beraten bei der Koordinierungsstelle Frau und Beruf, Telefon (0511) 61 62 35 47. Auch die Arbeitsagentur hilft bei der Jobsuche. Wer Hilfe bei der Haushaltsorganisation braucht, findet Silke Lange-Hartmann unter www.haus-org.de oder erreicht sie unter Telefon (0511) 62 69 69. Betriebe und Arbeitnehmer können sich auch an die Initiative "Mittelstand und Familie" wenden, Telefon (0180) 3 44 43 33 (9 Cent/Min.).

Checkliste

Wer in den Beruf zurückkehren will, sollte - vor der Jobsuche - folgende Fragen beantworten. Das rät die Bundesagentur für Arbeit.

  • Ist meine Familie einverstanden?[*}Wie werden die Kinder betreut?
  • Wie organisieren wir in der Familie meinen Wiedereinstieg ins Berufsleben?
  • Möchte ich wirklich wieder für einen längeren Zeitraum arbeiten?
  • Welcher Zeitrahmen ist für die Berufstätigkeit beziehungsweise eine Qualifizierung möglich - Teilzeit (halbtags oder nur ein, zwei oder drei Tage in der Woche) oder Vollzeit?
  • Bin ich zu einer beruflichen Weiterbildung bereit, falls dies erforderlich ist?
  • Kommt nur eine Beschäftigung in meinem alten Beruf in Frage, oder wäre auch eine Tätigkeit in einem anderen Beruf denkbar?
  • Welche Wege zur Arbeitsstelle kann ich mir zumuten?
  • Sind alle notwendigen Unterlagen zur Hand - Nachweis über Ausbildung, Beschäftigungszeiten, Zeugnisse?
  • Hat mein früherer Betrieb eine Arbeitsstelle für mich?
  • Kann meine Arbeitsagentur mir bei der Jobsuche helfen?


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