Die Entscheidung eines Unternehmens, die Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit zu unterstützen, ist ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung. Bei der nun folgenden Umsetzung sollten Sie einige wichtige Dinge beachten und sich vorab die folgenden Fragen stellen: Welchen Bedarf gibt es im Betrieb? Welche Maßnahmen gibt es bereits? Was bieten andere Unternehmen? Was muss man bei der Entwicklung unterstützender Maßnahmen beachten?
Im Folgenden erhalten Sie Hinweise darauf, wie Sie den Bedarf in Ihrem Unternehmen feststellen und geeignete Maßnahmen entwickeln können. Das Spektrum der verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten stellen wir Ihnen auf der Seite Maßnahmen vor. Es gilt aber: Nicht jede Maßnahme ist für jedes Unternehmen geeignet. Was sinnvoll ist, ist abhängig vom spezifischen Bedarf der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der vorherrschenden Unternehmenskultur und der Frage „Was kann das Unternehmen leisten?“
Nachfolgend stellen wir Ihnen die einzelnen Schritte für die Entwicklung betrieblicher Maßnahmen zur Unterstützung von Beschäftigten mit Pflegeaufgaben vor und geben Hinweise und Tipps für die Umsetzung (siehe auch „Checkliste zur Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit“ unter Arbeitsmaterialien).
- Sensibilisieren Sie die Entscheider für das Thema
- Schätzen Sie selbst den Bedarf im Unternehmen ab
- Befragen Sie Ihre Beschäftigten
- Berücksichtigen Sie Ihre internen und externen Rahmenbedingungen
- Entwickeln Sie ein erstes Konzept
- Optimieren Sie Ihr Konzept
- Erstellen Sie ein Exposé
- Leiten Sie die geplanten Maßnahmen ein
- Evaluation – prüfen ob es passt
- Kommunikation und Justierung – eine kontinuierliche Aufgabe
1. Sensibilisieren Sie die Entscheider für das Thema
In vielen Unternehmen besteht bisher noch kein ausgeprägtes Bewusstsein für das Thema Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit. Ohne die Personen, die ggf. über Angebote mit entscheiden, kommt man aber nicht weiter, so dass die Sensibilisierung z. B. des Betriebs- oder Personalrates an erster Stelle stehen sollte.
2. Schätzen Sie selbst den Bedarf im Unternehmen ab
Bei der groben Schätzung, ob es in Ihrem Unternehmen tatsächlich einen Bedarf an Unterstützung für Pflegende gibt, helfen Ihnen folgende Fragen:
- Sind in Ihrem Unternehmen mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Alter von 40 Jahren oder darüber beschäftigt?
- Haben von diesen Beschäftigen schon mehrere den Wunsch nach Arbeitszeitflexibilität geäußert oder legen sie besonderen Wert auf die genaue Einhaltung ihres Arbeitsbeginns und -endes?
- Gab es bereits konkrete Nachfragen nach unterstützenden Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit?
Die Beantwortung dieser Fragen mit „JA“, ist ein deutlicher Indikator für einen Bedarf an unterstützenden Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit.
3. Befragen Sie Ihre Beschäftigten
Sie können Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entweder systematisch und umfangreich mit einem Fragebogen befragen oder sich der Beantwortung der Bedarfsfrage mittels der Diskussion in einigen (kleineren) Gesprächsrunden nähern. Beide Methoden haben ihre Vorteile:
- Eine offizielle betriebsweite Umfrage liefert klare Zahlen zur Notwendigkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Pflegeaufgaben (oder Familie, sofern Sie weiter gefasste Fragen stellen).
- Kleinere Gesprächsrunden mit Engagierten und Betroffenen reichen in einem mittelständischen Unternehmen oftmals aus, um die akuten Notfälle kennen zu lernen und eventuell umgehend geeignete Aktionen zu ermitteln.
- Auf beide Arten bringen Sie eine Diskussion zum Thema in Gang und sensibilisieren die Beschäftigten und die zuständigen Führungskräfte.
Beachten sollten Sie dabei Folgendes:
- Die Pflege von Angehörigen ist ein sensibles Thema, persönliche Angaben sind daher absolut vertraulich zu behandeln.
- Es kann aus Gründen der Unternehmenskultur ratsam sein, eine vorgesehene Umfrage nicht selbst durchzuführen, sondern ein externes Institut mit der Bedarfsermittlung zu beauftragen.
4. Berücksichtigen Sie Ihre internen und externen Rahmenbedingungen
Die Beachtung dieser Punkte ist unbedingt notwendig für das Konzept für Ihr Unternehmen. Wichtig ist vor allem die Frage, welche Faktoren im Betrieb und darüber hinaus für das Thema förderlich bzw. kontraproduktiv sind.
Bezüglich der internen Rahmenbedingungen ist zum Beispiel zu fragen:
- welche Maßnahmen mit einem pflegeunterstützenden Potenzial es bereits im Unternehmen gibt, und
- wie vorhandene Maßnahmen (z. B. zur Unterstützung von Eltern) abgewandelt werden können, um auch den Bedürfnissen pflegender Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu entsprechen.
Bezüglich der externen Rahmenbedingungen stellen sich Fragen wie:
- welche Angebote gibt es in anderen Unternehmen (in der Nähe oder in der gleichen Branche)?
- welche Angebote (pflegerische Dienstleistungen, Tagespflege, private , freigemeinnützige oder kommunale Institutionen) gibt es in Betriebsnähe, auf die zurückgegriffen und mit denen eventuell kooperiert werden kann?
- welche gesetzliche Regelungen gibt es oder werden kommen, die die Entwicklung oder Änderung von Maßnahmen erfordern (Teilzeit- und Befristungsgesetz, Reform der Pflegeversicherung, Antidiskriminierungsgesetz)
5. Erstellen Sie ein erstes Konzept
Lösen Sie sich von der Vorstellung, dass es das perfekte Konzept gibt. Überprüfen Sie Ihre Möglichkeiten (z. B. flexible Arbeitszeitmodelle) und die in Ihrem Unternehmen vorhandenen Angebote zur Unterstützung von Pflegenden (z. B. spezielle Beratungsangebote oder Listen mit externen Diensten oder eventuelle Kooperationen) und überlegen Sie, wie diese sich modifizieren und ergänzen lassen.
6. Optimieren Sie Ihr erstes Konzept
Spätestens jetzt sollten Sie (weitere) Entscheidungsträger und Multiplikatoren (z. B. Betriebsrat, Personalabteilung, Marketing und ggf. auch Rechnungswesen) im Unternehmen einbeziehen. Unterrichten Sie diese über den Stand Ihrer Überlegungen und Ihres bisherigen Konzepts und laden Sie sie dazu ein, dieses gemeinsam zu verbessern.
7. Erstellen Sie ein Exposé
Lassen Sie ein detailliertes Exposé erstellen, in dem alle bisherigen Gedanken und Überlegungen präzise aufgegliedert sind. Das Exposé sollte folgende Aspekte und Einzelheiten beinhalten:
- Fazit der Ergebnisse der Bedarfsermittlung durch Umfragen und Gespräche (je spezifischer desto besser)
- möglichen Maßnahmenkatalog
- Kostenplan und -schätzung
- Entwicklungs- und Zeitplan
- Beschreibung der Zuständigkeiten innerhalb des Unternehmens
- zu erwartende Erfolge.
8. Leiten Sie die geplanten Maßnahmen ein
Je nachdem, welche Punkte in Ihrem Konzept zu finden sind, variieren die durchzuführenden Maßnahmen in ihrer Umsetzung. Mögliche Maßnahmen können sein:
- Erstellen Sie Vertragsentwürfe und Kooperationsvereinbarungen für die Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern und Institutionen.
- Informieren Sie diese Dienstleister und Institutionen über Ihr Unternehmen und seine Philosophie sowie den möglichen Bedarf Ihrer Beschäftigten.
- Planen Sie, wie Sie ihre Mitarbeiter über die geplanten Maßnahmen informieren (z. B. durch schriftliches Informationsmaterial) und beziehen Sie auch die Möglichkeit ein, dass diese ihr Feedback dazu abgeben können.
- Entwickeln Sie Strategien, wie Sie das Konzept auch in der Öffentlichkeit bekannt machen können.
- Entwickeln Sie Verfahrensweisen für den Bedarfsfall, zum Beispiel, wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter einen Antrag auf Pflegeurlaub stellt.
- Entwickeln Sie Informationsmaterial und eventuell Infoveranstaltungen für das Management.
9. Evaluation – prüfen, ob es passt
Insbesondere in der Anfangsphase nach Einführung der Maßnahmen ist es besonders wichtig, auftretende Probleme zu erkennen, darauf zu achten, dass der Kostenplan eingehalten wird und die Nutzung der Maßnahmen zu beobachten. Nach einer gewissen Zeit sollten Sie die Maßnahmen einer offiziellen Bewertung unterziehen und dabei folgende Gesichtspunkte berücksichtigen:
- Entspricht die tatsächliche Nutzung den Erwartungen?
- Welche Maßnahmen werden genutzt?
- Wer nutzt die jeweiligen Maßnahmen?
- Wie beurteilen die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Angebote, finden sie diese hilfreich?
- Wieviel kosten die Maßnahmen?
- Decken sich die tatsächlichen Kosten mit den erwarteten?
- Welche positiven Effekte haben die Maßnahmen - gibt es Veränderungen hinsichtlich Fehlzeiten, Produktivität und der Qualität von Dienstleistungen und Produkten?
- Gibt es Erweiterungsmöglichkeiten?
Die Beantwortung dieser Fragen erleichtert Ihnen die Entscheidung, ob und wie die Maßnahmen modifiziert werden müssen.
10. Kommunikation und Justierung – eine kontinuierliche Aufgabe
Damit der Erfolg der eingeführten Maßnahmen auch langfristig gesichert werden kann, sollten folgende Maßnahmen regelmäßig durchgeführt werden:
- Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen regelmäßig über die Unterstützungsmöglichkeiten zur Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit informiert und daran erinnert werden, dass sie diese auch in Anspruch nehmen dürfen.
- Eine regelmäßige Information auch der Vorgesetzten ist für ein längerfristig gutes Gelingen unbedingt notwendig.
- Die Vorgesetzten, insbesondere die neuen, müssen für das Thema sensibilisiert werden.
- Die Angebotsstruktur und Nachfrage wie auch die Inanspruchnahme und das Feedback müssen überprüft werden, um bei Bedarf Angebote bzw. Kooperationen erweitern oder reduzieren zu können.
Autor: Elena de Graat