"Working Out Loud bricht Wissens-Silos auf"

„Mit Working Out Loud können wir Wissens-Silos aufbrechen“

12.06.2018
Isabel Hempel
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Mit "Working Out Loud" können Menschen ihre Arbeit sichtbar machen und sich mit anderen darüber austauschen. Das befruchtet die eigene Perspektive und hilft dabei, Ziele zu verwirklichen. Sara-Lena Eisermann von Tandemploy hat schon an verschiedenen WOL-Zirkeln teilgenommen. Im Interview erklärt sie, wie Working Out Loud funktioniert und wie sich das im Unternehmenskontext nutzen lässt.

Lautes Arbeiten, Wissen teilen: Mit WOL knüpfen wir nachhaltige Beziehungen, die unseren Zielen zuträglich sind.
 

Work Life Blog: „Working Out Loud“ ist in aller Munde. Was steckt hinter den drei Buchstaben WOL?

Sara-Lena Eisermann: „Working Out Loud“ ist eine einfache Methode, mit der sich Menschen vernetzen und nachhaltige Beziehungen aufbauen können. WOL steht auch für eine Haltung, die eigene Arbeit sichtbar zu machen und dabei digitale Kollaborations-Tools zu nutzen um den Umgang mit Social Media zu lernen.


WOL ist eine Open-Source-Methode, das heißt jeder kann sich auf http://workingoutloud.com/circle-guides/ die sogenannten Circle Guidelines runterladen und einen WOL-Zirkel gründen. In der Regel bilden vier bis fünf Menschen eine Art Peer Learning Group. Sie verabreden sich über einen Zeitraum von zwölf Wochen. Die Treffen finden – meist virtuell – einmal die Woche statt und sind auf eine Stunde angelegt. Dabei verfolgt jeder ein persönliches Ziel und versucht Beziehungen aufzubauen, die dabei helfen sollen, dieses Ziel zu erreichen. Für jedes der zwölf Treffen gibt es eine Guideline, die eine sehr strukturierte Durchführung gewährleistet und viele praktische Übungen enthält.


Welche Ziele verfolgen die Teilnehmer?

Das ist ganz unterschiedlich und individuell. Manche möchten agile Kompetenzen erlernen oder die eigene Rolle im Unternehmen schärfen. Der Nächste will sein Englisch oder sein Präsentationsgeschick verbessern. Je greifbarer und konkreter die Ziele sind, desto besser. Viele ändern ihr Ziel auch innerhalb der 12 Wochen, weil sie merken, dass sie eigentlich ganz andere Ziele haben. Was ich noch ganz wichtig finde: Je diverser der Hintergrund der fünf Menschen, desto spannender ist der Austausch und Lerneffekt meiner Meinung nach. Denn man bekommt viel Hilfestellung und neue Ideen von Menschen, die ganz andere Sichtweisen haben.


Der Vernetzungsgedanke ist nicht neu. Warum erfährt gerade WOL im Moment einen so großen Hype?
 
Die WOL-Methode geht gerade durch die Decke, weil sie auch zeigt, wie man die Kraft der sozialen Netzwerke noch viel besser für sich nutzen kann. Man lernt, sich mit Leuten beispielsweise über Twitter- und LinkedIn-Gruppen zu vernetzen, die den eigenen Zielen zuträglich sind. Ich persönlich habe unglaublich viel Interesse an Menschen und ihren Geschichten und komme mit vielen Leuten – auch virtuell – ins Gespräch. Andere Menschen kostet das (noch) viel Überwindung. Sie nutzen die sozialen Medien vielleicht noch nicht so gerne. WOL ist eine einfache Weise, sich diesem Austausch strukturiert anzunähern und den Umgang mit Social Media oder Kollaborations-Tools selbstwirksam zu lernen.

 

John Stepper hat die Circel Guidelines für die Methode "Working Out Loud" entwickelt. Seine Motivation? Frust im Job. Er wollte etwas an seiner Arbeitsweise ändern. Heute ist er ein gefragter Redner und Buchautor.


In vielen Dax-Unternehmen wird die Methode genutzt. Wie sinnvoll ist WOL im Unternehmenskontext?

Viele Mitarbeiter sitzen immer noch in ihren Silos und denken: Wissen ist Macht! Auf der anderen Seite gibt es aber viele andere Menschen, die sich flexiblere Arbeitsformen und mehr Transparenz und Vernetzung in ihrem Unternehmen wünschen. Mit WOL können diese Wissens-Silos in den Firmen aufgebrochen werden. Es ist so bereichernd, sein Wissen zu teilen und zu erleben, wie gemeinsam mit anderen tolle Ideen entstehen können. Dann macht Arbeit doch auch wieder viel mehr Spaß!

Die Kollegen bekommen in einem WOL-Zirkel einen geschützten Raum, in dem sie sich zum Teil sehr privat und intensiv miteinander austauschen können. Es geht darum, auch mal unfertige, unperfekte Arbeiten zu teilen und zu zeigen, um dann an der Hilfestellung der anderen zu wachsen oder vielleicht auch die eigenen Ansprüche zu überdenken. Mir persönlich hat WOL gezeigt, dass das auch Mut und Überwindung kostet.


Kann die Unternehmensleitung der Belegschaft WOL „verordnen“, um für mehr Verständnis untereinander zu sorgen?

Nein. WOL ist eine Graswurzelmethode, das heißt sie wird von den Menschen, die einen WOL-Zirkel gründen, selbst organisiert. So ein Thema kann nur aus der Eigeninitiative der Mitarbeiter wachsen. Natürlich hilft es sehr, wenn die Unternehmensleitung signalisiert: Ihr könnt dafür wöchentlich eine Stunde eurer Arbeitszeit aufwenden. Das bringt mehr Schwung in die Sache.


Wie verändert WOL die Mitarbeiter in einem Unternehmen?

Im besten Fall führt WOL dazu, dass die Mitarbeiter sich besser verstehen und vernetzen und ihre Weiterbildung in die eigene Hand nehmen. Viele sind noch daran gewöhnt, dass andere die Entscheidungen für sie treffen, zum Beispiel die Führungskraft oder der Personaler. Sie fühlen sich ohnmächtig und denken: „Du bist zuständig für meine Weiterbildung!“.

Wer WOL anwendet, nimmt seine Entwicklung wieder in die eigene Hand und findet selbst eine Antwort auf die Frage: Was brauche ich eigentlich, um gut und glücklich arbeiten zu können? 

WOL ist eine Methode, die eine Veränderung auf der individuellen Ebene bewirken kann. Dort sollten wir auch ansetzen: Bottom-up und nicht mit einem großen und teuren Change-Konzept von oben. Es gehört viel Mut und Haltung dazu, bei sich selbst anzufangen, und es ist nicht einfach. Das kann man mit WOL jedoch sehr gut trainieren.


Wie finde ich einen WOL-Zirkel?

Das ist ganz einfach: Entweder man gründet selbst einen WOL-Zirkel oder findet einen Zirkel über die WOL-Facebook- oder die WOL-Twitter-Gruppe. Oder man schreibt einfach an John Stepper, der die Methode entwickelt hat. Obwohl er inzwischen ein sehr gefragter Redner ist, begrüßt er noch jeden neuen Teilnehmer persönlich in seinem Tweet!

 

Sara-Lena Eisermann arbeitet als Costumer Happiness Managerin bei Tandemploy.
Sie plant als nächstes an einem internationalen WOL-Zirkel teilzunehmen, um die Perspektive von Menschen mit unterschiedlichen Kulturen und Nationalitäten kennenzulernen.