Burnout: Zurück in den Beruf – alles neu?

Burnout: Zurück in den Beruf

30.07.2018
Sabrina Ludwig
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Irgendwann stellt sich jeder Burnout-Betroffene die Frage: Wird mir der Wiedereinstieg in den Beruf gelingen – und was kann ich tun, damit ich mich nicht gleich wieder erschöpfe?

Wenn die heftigsten Erschöpfungsanzeichen abklingen und der Beruf wieder in den Fokus der Gedanken rückt, fallen viele Burnout-Betroffene erst einmal in Extreme. Am Anfang haben viele Patienten das Gefühl, sie müssten ihr Arbeitsleben von Grund auf verändern. Sachbearbeiter überlegen, lieber ein Hotel im Süden zu eröffnen und die Managerin spielt mit dem Gedanken, Heilpraktikerin zu werden. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass letztlich sehr wenige Menschen nach der Krise tatsächlich komplett den Beruf wechseln. „Wenn die Menschen erkennen, dass sie durchaus selbst etwas verändern können, verliert die Idee im Job alles auf Neu zu stellen an Attraktivität“, beobachtet Nicole Plinz, therapeutische Leitung am Zentrum für Stressmedizin der Asklepios Kliniken in Hamburg. Die Rückkehr an den alten Arbeitsplatz wird vorstellbar.

Der systemische Berater Hans Dieter Gimbel aus Duisburg begleitet seit vielen Jahren Menschen bei der Wiedereingliederung in den Beruf. Ein wichtiges Tool bei der Vorbereitung auf die Rückkehr in den Job ist ein Bild: Gimbel bittet seine Klienten, sich einen Akku vorzustellen, an dem ein grünes Lämpchen für viel Energie und ein rotes für wenig leuchtet. Dazwischen gibt es alle Nuancen. „Die Menschen haben ein sehr gutes Gefühl dafür, was ihr Akku gerade anzeigt“, sagt Gimbel.
 

Raus aus der Opferrolle, heißt die Devise

Manchmal wird beim ersten Coaching-Termin deutlich: Man ist noch gar nicht fit für den Job. Dann geht es darum zu schauen: Wie komme ich weiter zu Kräften? Erst wenn die Energie sich in den grünen Bereich bewegt, ist man reif für die Rückkehr. Hier gilt die Devise: Raus aus der Opferrolle. „Klienten müssen wissen: Was möchte ich? Und was kann ich selbst dafür tun, damit es so läuft, wie ich es mir wünsche?“, erklärt Gimbel. Auf dieser Basis wird es möglich, der Führungskraft und den Kollegen auf Augenhöhe zu begegnen und gut für sich einzustehen und zugleich kooperativ zu sein. Denn eins ist klar: Unsicherheiten gibt es auf beiden Seiten.

Meist geht es dann nach dem „Hamburger Modell“ mit einigen Stunden Arbeit am Tag oder mit halben Tagen los. In dieser Zeit gilt es den Kräfte-Akku klar im Blick zu behalten: Wird er voller? Gleicher Stand? Leerer? „Wenn der Klient wirklich in den Job zurück möchte und zugleich weiß, was er verändern muss, funktioniert die Wiedereingliederung oft gut“, weiß Gimbel. Falls der Akku zwischendurch in den roten Bereich rutscht, muss man sich selbst fragen: Was könnte mir helfen, wieder in Richtung grün zu kommen? Was belastet mich und wie kann ich das verändern? Sind meine Schritte zu groß oder vielleicht auch zu klein? Wer könnte mir helfen? Gimbel: „Das Ziel ist nicht, ein anderer Mensch zu werden. Es geht darum, den Regler zu verschieben. Wie viel gebe ich? Wie viel leiste ich? Wie kann ich gut für mich sorgen?“ Nach und nach wird dieser anfangs oft etwas holprige Weg ebener, man fasst wieder Fuß im Berufsalltag. Im besten Falle geben erste Erfolge neue Kraft. Man fühlt sich wieder wohl im Team, spürt, wie die eigene Leistungsfähigkeit zurückkommt. Man schafft es, alte Muster und Schlüsselreize zu erkennen, darüber zu reflektieren – und anders mit der Belastung umzugehen als früher. So kann es gelingen, in einer Art zu arbeiten, bei der sich Selbstfürsorge und Engagement nicht mehr ausschließen.
 

Flucht nach vorne statt weglaufen

Manchmal folgt daraus auch, dass man im Job Grundlegendes verändert. Einer gibt die Personalverantwortung ab. Ein anderer reduziert die Arbeitszeit. Oder man wechselt tatsächlich die Firma oder sogar den Beruf, weil er spürt: Das passt nicht mehr zu mir. Diese Veränderungen sind stimmig – denn sie sind keine Flucht, sondern die logische Folge der inneren Veränderung.

Fluchtverhalten ist dagegen eher ungünstig. Mirriam Prieß, Ärztin und Coach, die häufig Führungskräfte nach einem Burnout berät, spricht deshalb ab und zu klare Worte. Zum Beispiel zu der jungen Führungskraft, die nach einem Burnout wieder ein Projekt übernommen hatte. Der junge Mann kam zu ihr und sagte, er müsse sich wohl wieder krankschreiben lassen. Alles werde wieder zu viel. Da fragt ihn Prieß nur schlicht: Warum denken Sie das? Der Mann erklärte, dass ein Zeitrahmen nicht einzuhalten sei und dass ihm auch eine Fachkraft fehle. Mirriam Prieß fragte nur knapp: „Warum sprechen Sie darüber nicht mit ihrem Chef und sorgen für Klärung der Fragen?“ Da merkte die Führungskraft selbst, dass sie gerade dabei war, in die Erschöpfung auszuweichen, statt den Konflikt anzugehen. Er sprach seine Führungskraft an. Sie fanden eine konstruktive Lösung. Die Erschöpfungs-Symptome des Mannes verschwanden. „Außerdem war die Führungskraft das Stigma des Schwachen los, das ihm nach der Krankheit noch anhaftete“, erklärt Prieß.

 

Über unsere Gastautorin Carola Kleinschmidt:

Carola Kleinschmidt ist Diplombiologin, Journalistin und zertifizierte Trainerin (Zusatzausbildung Kommunikationspsychologie, Schulz-von-Thun-Institut/Uni Hamburg).

Sie beschäftigt sich seit 15 Jahren mit dem Thema "Gesundheit & Arbeitswelt“. Ihr Sachbuch "Bevor der Job krank macht" bezeichnet das Magazin Stern als „eines der besten Bücher zum Thema Burnout“. Es verkaufte sich über 25.000 Mal. Folgebücher: "Das hält keiner bis zur Rente durch“ (2014), "Burnout – und dann?“ (2016). Carola Kleinschmidt hält Vorträge und gibt Workshops in Organisationen und Unternehmen zum Thema "Gute Arbeit & psychische Gesundheit". www.carolakleinschmidt.de

 

 

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Literaturempfehlungen:

Mirriam Prieß: Resilienz. Das Geheimnis innerer Stärke. Südwest 2015