Häusliche Gewalt: „Nur mit Hilfe schaffen es die Frauen raus“

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Häusliche Gewalt: „Nur mit Hilfe schaffen es die Frauen raus“

10.12.2020
Sabrina Ludwig
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Sie ist unsichtbar und trifft jede vierte Frau: Gewalt in den eigenen vier Wänden. Aus Angst, Scham und weil es noch zu viele Lücken im Hilfssystem gibt, holen sich nur wenige Frauen Hilfe und schaffen es, dem Gewaltkreislauf zu entkommen.

Erst schubste er sie, dann spuckte er ihr ins Gesicht, beschimpfte sie und sagte, sie sei selbst schuld daran. Angefangen hatte damals alles, weil sie eine halbe Stunde später als verabredet nach Hause kam und er angeblich eifersüchtig war. Später gab es auch Tritte und er drohte damit, den Hund zu verprügeln, wenn sie sich nicht endlich zu benehmen wüsste. Danach entschuldigte er sich und versprach, es nie wieder zu tun. Jahrelang blieb im Verborgenen, was ihr Mann Susanne M. antat: häusliche Gewalt.

Die Geschichte von Susanne M. ist erfunden, aber sie ist die Geschichte vieler Frauen. Und sie ist brutal, verachtend, entwürdigend. Häusliche Gewalt hinterlässt nicht nur Narben und Wunden am Körper, sondern vor allem in der Seele, weil sie an einem Ort stattfindet, der uns Schutz und Geborgenheit geben sollte: im eigenen Zuhause. Sie kann auf körperlicher, psychischer und sexualisierter Ebene oder aus ökonomischer Gewalt bestehen, wenn die Frau finanziell abhängig von ihrem Partner ist oder Angst hat, bei einer Scheidung ihre Aufenthaltsgenehmigung zu verlieren. Meistens erleben die betroffenen Frauen mehrere Gewaltformen gleichzeitig.

 

Jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet

Jede vierte Frau in Deutschland wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Gewalt gegen Frauen als weltweit häufigste Verletzungshandlung gegen Frauen ein. Jeden dritten Tag ermordet ein Mann in Deutschland seine Frau, Freundin oder Ex. Was in den Statistiken erst gar nicht auftaucht, sind Suizide, die die Frauen aus Scham begehen oder weil sie keinen anderen Ausweg sehen aus der täglichen Hölle aus Gewalt und Drohungen. Auch Männer sind von häuslicher Gewalt betroffen, aber in vier von fünf Fällen sind die Opfer weiblich.

 

Erst die Liebe, dann die Gewalt

Trotz der systematischen Brutalität, Erniedrigung und Misshandlung, teilweise über viele Jahre hinweg, bleibt ein Drittel aller betroffenen Frauen in den Beziehungen. Hier setzt die Arbeit von Opferberaterin und Traumapädagogin Henrike Krüsmann von der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG) an. Das Ziel: Frauen aus gewalttätigen Partnerschaften raushelfen und ihnen eine neue Perspektive bieten. Koordinatorin Henrike Krüsmann und ihre Kolleg*innen informieren die Betroffenen über Hilfen und vermitteln Plätze in Frauenhäusern.

Doch oft ist es zunächst eine der Aufgaben der Berater*innen, bei den betroffenen Frauen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, in welchem Gewaltkreislauf sie stecken und dass sie ein Recht auf Hilfe und Unterstützung haben: „Die Frauen geben sich an den Gewalttätigkeiten oft selbst die Schuld, weil der Gedanke leichter auszuhalten ist und sie so das Gefühl haben, sie können etwas verändern und Einfluss darauf gewinnen“, erklärt Krüsmann. „Und weil sie ihre Partner auch liebevoll kennen und schöne Erinnerungen an eine gemeinsame Zeit haben." Die Frauen stecken in einem Kreislauf aus Gewalt und Reue des Täters, der bei ihnen immer wieder die Hoffnung schürt, es könne wieder alles gut werden. Die Erfahrung zeigt aber, dass die meisten Männer, die einmal zugeschlagen haben, es wieder tun werden. Meist steigt dann auch die Intensität der Gewalt an.

 

Angst vor sozialem Abstieg und dem Jugendamt

Es ist ein Teufelskreislauf, den nur wenige Frauen durchbrechen. Die meisten schaffen es nur, sich zu trennen, wenn sie alleine leben (31 Prozent) oder die Gewalt zu stark wird und Kinder mitbetroffen sind (36 Prozent). Statistisch gesehen braucht eine Frau bis zu sieben Anläufe, bis sie die Beziehung verlässt. Drohungen von den Partnern, sie würden sie überall finden, oder die Angst, dass ihnen niemand Glauben schenken wird, bringt die Frauen dazu, bei ihren Partnern zu bleiben. „Sind Kinder im Spiel, haben die Mütter große Angst vor einem sozialen Abstieg und dass ihnen die Kinder vom Jugendamt weggenommen werden“, sagt Henrike Krüsmann. Viele der Frauen waren jahrelang finanziell abhängig von ihrem Partner und wissen nicht, wie sie sich mit den wenigen Mitteln, die sie besitzen, eine Wohnung leisten können. Partnerschaftsgewalt zieht sich aber durch die gesamte Gesellschaft. „Wir haben festgestellt, dass Frauen in höheren Bildungs- und Einkommensschichten nicht seltener von schwerer Partnergewalt betroffen sind“, sagt Monika Schröttle, die 2004 die einzige nationale repräsentative Dunkelfeldstudie zu dem Thema vorgelegt hat. In welchem sozialen Umfeld die Frauen auch leben, für Henrike Krüsmann ist eine Sache klar und wichtig: „Die Frauen schaffen es nur raus, wenn sie auf ein gutes Hilfesystem treffen und Unterstützung finden“.

 

Zu wenige Beratungshotlines und überfüllte Frauenhäuser

Melden sich die Frauen bei Henrike Krüsmann, ist eine schnelle Beratung und Hilfe wichtig. Doch genau hier ist der Haken: Die BIG-Hotline ist zwar täglich von 8 bis 23 Uhr besetzt, auch an den Wochenenden und an Feiertagen, aber Überlastungen an der Hotline sind keine Ausnahme. Die Berater*innen sind zu wenige, die Frauen erreichen oft niemanden oder müssen zu lange in der Warteschleife warten.

Seit Corona steigen die Anfragen, nicht nur bei der BIG in Berlin. Jutta Dreyer leitet das Lebenslagen-Coaching des pme Familienservice, das neben Beratung und Coaching bei beruflichen und privaten Problemen auch psychologische Hilfe in akuten Krisensituationen anbietet. Die systemische Familientherapeutin hat ebenfalls den Eindruck, dass dieses Jahr mehr Paare über Streit und Handgreiflichkeiten zuhause berichten: „Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit während des Lockdowns hat bei vielen Paaren zu großem Stress und Spannungen geführt, die dann in Streit, Beleidigungen und schlimmstenfalls in Gewalt münden. Vor allem Paare und Familien, die schon zuvor Probleme hatten, stehen jetzt unter großem Druck, der außerhalb des eigenen Heims kein Ventil mehr findet, zum Beispiel beim Sport oder bei persönlichen Treffen mit anderen. Auch spielt Alkohol sicher eine Rolle, denn während des Lockdowns ist der Konsum bei vielen gestiegen. Vielleicht melden sich nun aber auch mehr Frauen und trauen sich schneller Hilfe zu holen, weil das Thema einfach sichtbarer geworden ist in der Corona-Pandemie. Auch Nachbarn schauen nun eher hin“.

Nicht nur die Beratungsarbeit für gewaltbetroffene Frauen steht vor enormen Herausforderungen, auch die Frauenhäuser. Das Problem: Sie sind voll, und das nicht erst seit dem Ausbruch des Coronavirus. Seit Jahren schon beklagen die Mitarbeiter*innen, dass sie den betroffenen Frauen zu wenig Plätze anbieten können und jedes Jahr Hunderte hilfesuchende Frauen und deren Kinder an den Türen wegschicken müssen. „In Berlin müssen Frauen und ihre Kinder teilweise bis zu ein Jahr und länger im Frauenhaus verbleiben, weil der Wohnungsmarkt keine entsprechend bezahlbaren Wohnungen zu bieten hat und die Frauen nicht wissen, wohin sie sollen“, sagt Krüsmann.

 

„Betroffene Frauen und Kinder brauchen sofort Hilfe“

Verlässliche Zahlen, ob die Anfragen bei den Beratungsstellen und Frauenhäusern seit der Corona-Pandemie Anfang des Jahres gestiegen sind, gibt es noch nicht. Bundesfamilienministerin Giffey forderte aber bereits im März 2020 die Länder auf, Hotelzimmer und Ferienwohnungen als Orte der Zuflucht anzumieten, um die Frauenhäuser während des Lockdowns zu entlasten. Michael Kunkel ist Berater an der Lebenslagen-Hotline des pme Familienservice in Frankfurt am Main und musste die Erfahrung machen, dass es auch weiterhin an passenden Unterbringungsmöglichkeiten fehlt: „Ich war für eine Klientin mit einem vierjährigen Kind auf der Suche nach einem sicheren Ort. Die Frauenhäuser im Umkreis waren alle belegt. Über die zentrale Hotline konnte mir auch kein Platz angeboten werden, ich musste die Frauenhäuser einzeln abtelefonieren. Wir haben schließlich einen Platz in einem Frauenhaus gefunden, allerdings knapp 70 km entfernt, also nicht in Arbeitsplatz- und Kita-Nähe. Es müsste gewährleistet sein, dass Betroffene und ihre Kinder sofort eine passende Hilfe bekommen“.

 

Zu wenig in der öffentlichen Debatte

Mehr Personal an den Telefon- und Beratungshotlines, mehr Unterkünfte für Frauen und ihre Kinder: Das Gute an der Coronakrise ist, dass diese Forderungen jetzt auf offene Ohren stoßen. Normalerweise gibt es für das Thema häusliche Gewalt immer genau einmal im Jahr viel Aufmerksamkeit, wenn am 25. November der weltweite Aktionstag „Gewalt gegen Frauen“ begangen wird. In diesem Jahr, als Menschen ihre Wohnung nicht verlassen sollten, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren, rückt häusliche Gewalt wieder stärker in die öffentliche Wahrnehmung: in politischen Debatten, in Zeitungsartikeln, auf Werbeplakaten. Die Initiative #sicherheim zum Beispiel klärt mit einer bundesweiten Kampagne über häusliche Gewalt auf.

Henrike Krüsmann begrüßt, dass das Thema jetzt öffentlich stärker diskutiert wird und die Menschen dafür sensibilisiert werden. Aber sie gibt auch zu bedenken, dass häusliche Gewalt zu lange aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden gewesen sei. „Die letzte Studie zu häuslicher Gewalt entstand im Jahr 2014. Warum es keine mehr danach gab, lässt sich nur damit erklären, dass das Thema offenbar gesellschaftlich nicht relevant war“. Das Virus wird irgendwann aus der öffentlichen Debatte verschwunden sein, die Wahrnehmung häuslicher Gewalt hoffentlich nicht.

 

Henrike Krüsmann ist Koordinatorin der Bereiche Kinder und Jugendliche sowie täterorientierte Intervention bei BIG, der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen.
https://www.big-koordinierung.de


 

 

 

 

Quellen und Studien:

https://www.berlin.de/sen/frauen/keine-gewalt/haeusliche-gewalt

https://fra.europa.eu/de/publication/2014/gewalt-gegen-frauen-eine-eu-weite-erhebung-ergebnisse-auf-einen-blick

 

Sie möchten als Arbeitgeber Ihren Mitarbeiter*innen bei häuslicher Gewalt zur Seite stehen?

Wir unterstützen die Mitarbeiter*innen unserer Vertragskunden bei Problemen in den verschiedensten Lebenslagen – individuell, vertraulich, 24 Stunden am Tag – und bieten unmittelbare psychologische Hilfe in akuten Krisensituationen, beraten bei Kindeswohlgefährdung und vermitteln in Frauenhäuser sowie zu weiterführenden Beratungsstellen und anderen Unterstützungsmöglichkeiten.

Kontakt: Jutta Dreyer, Produktverantwortliche Lebenslagencoaching

E-Mail: jutta.dreyer@familienservice.de

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Rufen Sie uns an, anonym und 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr: 0800 80 100 7070

 

Sie sind von häuslicher Gewalt betroffen, aber kein pme-Kunde?

In akuten Fällen häuslicher Gewalt rufen Sie bitte den Polizeinotruf 110 an!

Eine Auflistung hilfreicher Notfallkontakte finden Sie auf der Seite des Deutschen Präventionstags: hwww.praeventionstag.de
 

 

 


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