„Keine Panik vor der Frage nach dem Sinn“

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Interview mit Gisela Erler über die Sinnfrage

08.12.2020
Josephin Hartmann
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Gisela Erler hatte nie den Traum einer großen Karriere. Umso zufriedener macht sie, was sie rückblickend erreicht hat. Anderen zu helfen, damit deren Leben besser gelingt – das ist ihr Credo. Was die pme-Firmengründerin als sinnvoll im Job erachtet, welchen Herausforderungen sie sich stellen musste, und was Wirtschaft und Mensch aus der Krise lernen sollten, verrät sie uns im Interview.

Was ist für dich ein sinnvoller Job?

Für mich ist ein sinnvoller Job, wenn ich etwas tun kann, das nützlich ist für andere. Mein Ziel ist es, anderen Menschen zu helfen, dass ihr Leben gelingt. Nicht für jeden Menschen ist der Sinn im Job der gleiche, und er kann sich auch im Laufe des Lebens verändern. Daher können Jobs verschiedene Zwecke und Ziele erfüllen. Für manche steht Leistung im Vordergrund, für andere eher kreative Entfaltung oder Fürsorge.

 

Glaubst du, dass die Frage nach sinnstiftender Tätigkeit ein heutiges Phänomen ist oder alter Wein in neuen Schläuchen?

Vor der Pandemie hatten die Menschen in unserem Land gute Chancen, beschäftigt zu werden. Es gab keine hohe Arbeitslosigkeit. Da das Bedürfnis der Existenzsicherung nicht an erster Stelle steht, stellen sich die Menschen die Frage nach der Erfüllung tiefgreifender Bedürfnisse: Ist der Job einer, wo ich mich weiterentwickeln und wachsen kann? Das kann Leistung und Macht bedeuten, aber auch Flexibilität und Abenteuer.

Aktuell sind viele Arbeitnehmer*innen gezwungen, sich neu zu orientieren. Da etliche Branchen in der Pandemie zusammengebrochen sind, stehen sie vor der Frage, welchen Beitrag sie künftig leisten wollen. Gerade Künstler und Gastronomen sind davon betroffen. Doch auch hier ist es wichtig, dies als Chance zu begreifen und nicht als Last.

 

Wovor haben die Menschen Angst, wenn sie plötzlich die Sinnhaftigkeit ihres Jobs hinterfragen? Welche Bedürfnisse stecken dahinter?

Ich glaube, es ist so, dass viele Leute in Tätigkeiten stecken, die monoton sind und ihren ursprünglichen Träumen und Vorstellungen nicht entsprechen. Natürlich ist es im Leben nicht immer einfach, seinen Träumen nachzugehen, aber um diese zu erreichen, müssen sich Menschen hin und wieder damit konfrontieren, ob sie an der Stelle im Leben stehen, wo sie gerne wären. Wenn der Beruf keine Erfüllung bringt, kann man sie auch in anderen Lebensreichen finden, zum Beispiel in der Familie, im Hobby, in der Nachbarschaftshilfe oder in der Politik.

Doch viele Menschen sind zu sehr in der Hektik gefangen. Sie kommen nicht dazu, sich die Frage zu stellen: Ist mein Leben eigentlich richtig aufgestellt? Dazu kommt die Angst vor der Erkenntnis, eventuell etwas im Leben verpasst oder vernachlässigt zu haben. Wer sich nicht aktiv mit der Frage nach dem Sinn im Leben auseinandersetzt, den können plötzlich nachts im Bett oder auf der Couch Existenzängste überfallen. Die Menschen dürfen die Sinnfrage nicht ignorieren, aber auch keine Panik davor haben. Ich rate zu überlegen, wie man sein Leben etwas justieren kann und erstmal kleine Schritt plant, um die Bedürfnisse zu erfüllen. Es muss nicht immer gleich der große Bruch sein. Ich appelliere daher nicht zu radikalen Einschnitten, die haben wir in den letzten Monaten genug erlebt.

 

Glaubst du, dass die Corona-Krise und die Klimaveränderungen den Wunsch nach sinnvollen Jobs und nachhaltigem Unternehmertum verstärken?

Ja, ganz sicher. Die Klimakrise hat die Menschen zum Nachdenken angeregt und Proteste der jungen Leute hervorgerufen. Es ist ein Umdenken da. Die Menschen wollen nicht länger die Umwelt zerstören. Man merkt, dass jeder Einzelne versucht, ein Stück dazu beizutragen. Aber das schaffen wir nicht alleine. Wir brauchen die Politik dafür, damit sich die Rahmenbedingungen verbessern.

Allerdings gibt es Meinungen, dass sich nach der Pandemie alle Menschen wieder so verhalten wie vorher. Dass sie wieder ins Flugzeug steigen und den heimischen Garten vernachlässigen. Viele waren ja permanent am Kofferpacken, da sie das eine Wochenende in Malaga und das darauffolgende in Dubrovnik verbrachten. Ich glaube, dass das Reisen in Zukunft etwas teurer und für längere Zeit beschwerlicher sein wird. Das finde ich gut, da die Wertschätzung und die Achtsamkeit dafür zurückkehren und Menschen mehr auf Qualität achten werden. Außerdem glaube ich, dass sich die Innenstädte verändern, da weniger Büroräume nachgefragt werden. Dadurch werden es kleine Imbisse, Cafés und Restaurants schwerer haben, aber dafür kommt vielleicht auch wieder mehr bezahlbarer Wohnraum in die Stadt zurück.

 

Was denkst du als Gründerin und Geschäftsfrau: Welchen Beitrag sollten Unternehmen in Zukunft leisten, um zu einer gesunden Wirtschaft und Umwelt beizutragen? Was sollte sich in den kommenden Generationen ändern, damit wir unsere vorhandenen Ressourcen nicht weiter ausbeuten?

Es ist klar: Wenn es die Welt nicht schafft, besser mit den vorhandenen Ressourcen zu haushalten, dann werden wir in existenzielle Nöte geraten. Aber man sieht ein Umdenken bei Unternehmen, die nun mehr über Produktionsprozesse nachdenken. Doch man muss sagen, dass Branchen wie die Automobilindustrie es verschlafen haben, auf andere Antriebe umzusteigen. Einige fordern schnelle und härtere Umbrüche. Doch dabei entsteht das Problem, dass bei zu großen Umbrüchen das System kollabiert. Also ja, viele Unternehmen haben begriffen, dass sie umsteuern müssen. Gleichzeitig muss die Politik den richtigen Rahmen schaffen und neue Qualifizierungen für Arbeitnehmer*innen anbieten. Sonst endet es für viele Menschen so, dass sie mit ihren Produkten und Dienstleistungen aussortiert werden.

 

Was würdest du anderen raten, die keinen Sinn mehr in ihrer täglichen Arbeit sehen?

Man muss erstmal genau überlegen: Womit bin ich unzufrieden? Sinn entsteht nicht nur daraus, dass ich etwas ‚Nützliches‘ tue, sondern auch, dass ich wertgeschätzt werde und ein gutes Arbeitsumfeld habe. Wenn ich etwas anderes lieber machen möchte, muss ich schauen, ob es einen realistischen Weg dorthin gibt. Ich darf dabei mich und meine Familie nicht ins Unglück stürzen. Doch ich darf mich nicht nur beschweren oder von einem anderen Job träumen, sondern muss auch handeln. Sonst belaste ich mein Umfeld zu stark und werde unglücklich. Das ist das Wichtigste. Man muss natürlich Mut haben, sich neuen Aufgaben zu stellen.

 

Hast du dir jemals die Frage gestellt: „Wer bin ich, und welchen Beitrag möchte ich in dieser Welt leisten?“

Ja, immer wieder. Ich hatte hin und wieder unterschiedliche Berufsstadien. Ich hatte Literatur und Soziologie studiert und wusste nicht, wo das landet. Als junge Sozialwissenschaftlerin bin ich in ein Modellprojekt namens „Tagesmütter“ gegangen. Das war 1974 ein ganz neues und kritisches Thema, da Frauen in Westdeutschland ihre Kinder nicht so früh abgeben wollten. Ich fand das Thema als junge Frau sehr spannend. Ich hatte immer solche Themen gefunden, wo ich das Glück, aber auch den Mut hatte, diese beruflich zu unterstützen. Doch leider ist das Thema „Umwelt“ erst relativ spät an meinem Horizont erschienen, da war die Welt schon halb verbrannt. Ich hatte leider nicht den Tiefblick, dass unsere Zivilisation so zerstörerisch ist. Ein großer Fortschritt ist, dass wir jetzt eine Generation haben, die viel reifer ist als wir damals.

 

Wenn du einen Wunsch frei hättest: Was wäre dein Traumjob?

Es gibt Leute, die sagen zu mir: „Du hättest gleich in die Politik gehen oder Professorin oder Lehrerin werden sollen“. Das wäre mit Sicherheit auch interessant geworden. Aber ehrlich gesagt, Unternehmerin zu sein und danach Staatsrätin zu werden, ist für mich eine runde Sache. Das sind definitiv meine Traumjobs, ohne dass ich vorher wusste, dass es sie gibt. Ich würde alles wieder so machen. Ich habe zwar nicht die Welt gerettet, aber etwas bewegt, damit andere Menschen ihr Leben ein Stück weit besser leben können.

 

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