Interview EuGH-Urteil Was bedeutet das für Vertrauensarbeitszeit

18.06.2019
Sabrina Ludwig
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Künftig müssen laut EuGH-Gesetz alle Angestellten ihre Arbeitszeit systematisch und lückenlos erfassen. Was bedeutet das für Arbeitgeber, die bisher auf Vertrauensarbeitszeit setzen? Wir haben Petra Reisinger, Personalleiterin der pme Familienservice Gruppe, gefragt, wie das Unternehmen aktuell bei der Arbeitszeitgestaltung verfährt und was eine komplette Arbeitszeiterfassung bedeuten könnte.

Petra Reisinger: „Aktuell sind wir dabei, verschiedene technische Systeme der Personaleinsatzplanung und der Arbeitszeiterfassung auf Ihre Brauchbarkeit zu prüfen.“

 

Wie werden Arbeitszeiten aktuell bei pme definiert?

Petra Reisinger: Die Arbeitszeiten werden schon bei Einstellung neuer Mitarbeiter*innen gemeinsam mit pme definiert und dabei versuchen wir soweit es möglich ist, auf die familiären bzw. persönlichen Bedürfnisse der Beschäftigten einzugehen. Die Arbeitszeiten werden dann auch bewusst in den jährlichen Mitarbeitergesprächen angesprochen und ggfs. angepasst, wenn dies mit den Arbeitsaufgaben vereinbar ist.

 

Und in welcher Form wird die Arbeitszeit dokumentiert?

Petra Reisinger: Die Art der Arbeitszeitdokumentation hängt bei uns stark von der jeweiligen Tätigkeit ab. Die Beschäftigten der pme Lernwelten-Kitas legen Ihre Arbeitszeiten im Rahmen der Diensteinsatzplanung des Teams fest und dokumentieren danach selbstständig eventuelle Plus- oder Minusstunden. Die Arbeitszeiten und -orte der Beschäftigten in den Beratungsstandorten sind flexibler. Die genaue Form der Arbeitsplanung und Arbeitszeitdokumentation variiert hier von Team zu Team.

Grundsätzlich dient dabei die in den Arbeitsverträgen definierte durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit als Orientierung. Größere Abweichungen davon werden dann mit den jeweiligen Teamverantwortlichen besprochen und dokumentiert. Obwohl pme eine vertraglich definierte Arbeitszeitvereinbarung mit jeder Mitarbeiterin und jedem Mitarbeiter hat, leben wir das Prinzip Vertrauensarbeitszeit. Deshalb kontrollieren wir die Arbeitszeiterfassung nicht im Detail, achten aber darauf, dass die Teams und Teammitglieder ihre Arbeitszeiten im Blick haben. Dabei sind alle Führungskräfte dafür sensibilisiert mit ihren Teammitgliedern ins Gespräch zu gehen – vor allem dann, wenn jemand im Team laufend mehr arbeitet als vertraglich zur Verfügung steht. Bei geringfügig Beschäftigten sind wir aufgrund des Mindestlohngesetzes (MiLoG) allerdings schon heute verpflichtet Arbeitszeitnachweise zu führen.

 

Was war Ihre erste Reaktion auf das EuGH Urteil?

Petra Reisinger: Aufgrund des Medienechos und der generellen Unsicherheit bezüglich der konkreten Auswirkungen des Urteils sind wir auch besorgt darüber, dass die sicherlich gut gemeinte Stärkung des Arbeitnehmerschutzes unsere mühsam erarbeitete Vertrauenskultur beeinträchtigen könnte.

Eine genaue Dokumentation von Arbeitszeiten führt in der Theorie dazu, dass wir eine klare Unterscheidung von Arbeits- und Privatzeit vornehmen müssen – und das ist in der Praxis sicher eine Herausforderung. Wir haben unter anderem viele Mütter und Väter, die gerne mal früher nach Hause gehen, um Zeit mit den Kindern zu haben und dann am Abend noch etwas Berufliches erledigen. Die Krux wird es sein, hier genug gesetzliche Flexibilität beizubehalten, um bereits gut etablierte Vertrauensarbeitskulturen nicht zu beeinträchtigen.

 

Wie bereitet sich pme auf mögliche Änderungen vor?

Petra Reisinger: Wir verfallen weder in Aktionismus noch lehnen wir mögliche Veränderungen in diesem Bereich grundsätzlich ab. Im Gegenteil: Sofern die Änderungen in Deutschland zu einer praxistauglicheren Ausgestaltung des Arbeitszeitgesetzes führen, sehen wir hier sogar Potential für eine Optimierung von flexiblen betrieblichen Arbeitszeitvereinbarungen, die die Bedürfnisse von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gleichberechtigt berücksichtigen.
Wir werden die Diskussionen und Planungen genau verfolgen und uns gleichzeitig für eine ausgewogene Modernisierung des Arbeitszeitgesetzes einsetzen. Dabei binden wir unsere Mitarbeiterinteressenvertretung (MAIV) wie üblich bei jedem Schritt aktiv ein, um gemeinsam zu überlegen, wie wir eventuelle Änderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen möglichst optimal mit unserer Vertrauenskultur in Einklang bringen.

Ganz konkret sind wir aktuell dabei verschiedene technische Systeme der Personaleinsatzplanung und der Arbeitszeiterfassung auf Ihre Brauchbarkeit für einen Einsatz zu prüfen. Denn unsere bisherigen Erfahrungen mit solchen Systemen sind leider wenig zufriedenstellend. Meist bedingen solche Systeme einen hierarchisch strukturierten Freigabeprozess von Urlaubs- und Arbeitszeitprozessen, der weit von der Realität unserer Art zu arbeiten entfernt ist. Auch die Nutzung über verschiedene mobile Geräte ist oftmals eher schlecht als recht möglich. Wir sind aber hoffnungsfroh, dass innovative Anbieter die absehbaren Veränderungen im Bereich der Arbeitszeitdokumentation nutzen, um wirklich innovative Lösungen anzubieten, die auch eine «Bottom-up» Personalplanungsphilosophie, wie sie bei uns gelebt wird, abbildet.
 

Vielen Dank für das Interview, Frau Reisinger!

 

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