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Eine junge Frau hat die Hände am Kopf und ist gestresst
Psyche

Burn on: "Ich funktioniere nur noch"

Diesen Termin kann ich nicht absagen, der Chefin ihre Bitte nicht abschlagen und die Arbeit muss ja gemacht werden! Viele Menschen fühlen sich erschöpft und ausgelaugt – doch sie finden keine Stopptaste. Sie funktionieren immer weiter. Psycholog:innen haben für diese rastlose Erschöpftheit den Begriff Burn on geprägt. Was ist das? Wen kann es treffen? Und was hilft dagegen?

Von: Carola Kleinschmidt, Trainerin für multimodales Stressmanagement

Die typische Geschichte von Burn-out-Patient:innen liest sich so: Über Jahre hinweg hat man sich im Job und im Leben abgerackert. Man hat immer alles gegeben. Auch noch, als einem längst alles zu viel war. Erst ein Zusammenbruch oder eine heftige Erkrankung stoppten das Gerenne.

Vieler solcher Patient:innen hat der Psychologe Timo Schiele bereits behandelt. Doch seit einigen Jahren beobachtet der leitende Psychologe der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen zunehmend Patient:innen, die viele Symptome extremer Erschöpfung zeigen – doch sie scheinen auf den ersten Blick weit entfernt von einem Zusammenbruch zu sein. Auch zeigen sie nicht die typische Abneigung gegen den Job, die emotionale Distanzierung oder Zynismus, die man bei typischen Burn-out-Patient:innen erlebt. Im Gegenteil. Wenn man diese Menschen nach ihrer Lebenssituation fragt, dann sagen sie stets: „Mein Leben ist gut, ich habe eine tolle Familie und die Arbeit macht Spaß.“

Kein Wort von „Mir ist alles zu viel“ oder „Ich mag nicht mehr“. Im Gegenteil: Sie erzählen gerne von ihrem guten Job, dem netten Team und der intakten Familie. Und sie möchten so schnell wie es geht wieder fit für den Job sein. Häufig sind sie Verantwortungsträger:innen.

Anzeichen für Burn on: Blackout und Schlafprobleme

In die Klinik kommen diese Menschen, weil sie möchten, dass der Arzt ihre gesundheitlichen Beschwerden in den Griff bekommt: die Blackouts, Schlafstörungen oder Schmerzen. „Manchmal sagt auch das Umfeld: Du bist mir fremd geworden. Du musst was tun“, erzählt Psychologe Schiele. Oder die Personen werden von Psychotherapeut:innen geschickt, die merken, dass die wöchentlichen Sitzungen nicht ausreichen, um ihnen mit ihren Schlafproblemen oder Ängsten oder Abgrenzungsschwierigkeiten zu helfen. Sie kommen zwar brav zu jeder Stunde – aber es ist ihnen offensichtlich nicht möglich, in ihrem Leben etwas zu verändern. Sie bleiben auf der seelischen Überholspur und erschöpfen sich immer weiter.

Burn on Syndrom: Wichtige Symptome

In ihrem Buch „Burn On. Immer kurz vor dem Zusammenbruch“ beschreiben Psychologe Timo Schiele und Bert te Wildt, Chefarzt der Klinik Kloster Dießen, das neue Phänomen der seelischen Erschöpfung.

Drei Merkmale sind prägend:

1. Das Verhalten: Burn-on-Betroffene zeigen einen großen Aktionismus bei allen Aufgaben rund um Job und Leistung. Bei alltäglichen Aufgaben, die man aufschieben kann, kommt es dagegen zu einer Handlungslähmung: Die Freundin wird ewig nicht zurückgerufen, Sport wird aufgeschoben, persönliche Interessen fallen flach.

2. Die Emotionen: Es zeigt sich vordergründig ein angestrengter Positivismus, der im Widerspruch zur tatsächlich erlebten Freudlosigkeit steht.

3. Der Verstand: Auf der kognitiven Ebene dominiert ein Perfektionismus, der dazu dient, die tief im inneren empfundene Unzulänglichkeit zu kompensieren.

All das ist oberflächlich kaum sichtbar. Schließlich haben Betroffene auf den ersten Blick einen funktionierenden Alltag. Und: Sie reden sich ihr atemloses Leben schön. Erst im tiefen Gespräch mit den Psycholog:innen wird das Leiden dahinter sichtbar. Es zeigt sich, dass die Betroffenen sich selbst entfremdet sind. Dass hinter der funktionierenden Fassade ein Mensch steht, der keine Lebensfreude mehr empfindet, und ständig Angst hat, nicht zu genügen.

Rolle der Arbeitgeber für Burn on

Die ständige Angst nicht zu genügen, treibt diese Menschen dazu an, immer alles zu geben. Alle Facetten ihres Lebens sind diesem Leistungsideal unterordnen: Nicht nur der Job, auch die Freizeit und das Familienleben soll perfekt und effizient funktionieren. Pufferzeiten? Gibt es nicht. Auszeiten oder Agenda? Fehlanzeige. Zeitdruck, überquellender Terminkalender und Stress mit dem Unvorhergesehenen? Dann muss man eben besser organisieren! Und ein Schnupfen, Rückenschmerzen oder Migräne? Das hält einen doch nicht von seinen Aufgaben oder der Arbeit ab!

Fatalerweise ist diese Haltung in vielen modernen Firmen sogar erwünscht. Der Schweizer Psychologe und Arbeitsforscher Andreas Krause von der Fachhochschule Nordwestschweiz zeigt in seinen Studien, dass einige Managementtechniken Beschäftigte geradezu dazu anstacheln, ständig über ihre Grenze der Belastung zu gehen: Wenn Führungskräfte beispielsweise zulassen, dass Mitarbeitende unrealistische Ziele formulieren – die am Ende nur mit ständiger Überleistung oder zig Überstunden zu erreichen sind, fördern sie die Selbstausbeutung der Beschäftigten.

Oder wenn Belastungen tabuisiert werden, nach dem Motto: „Wer ein Problem hat, ist das Problem.“ Auch Führungskräfte, die selbst ständig über ihre Belastungsgrenzen gehen, fördern durch ihr Verhalten den ungesunden Arbeitsstil bei ihren Beschäftigten, weil sie die ständige Überleistung als normal darstellen.

Leben auf der Überholspur

Im echten Leben sieht es dann so aus, dass eine Teamleitung mit drei Kindern vielleicht die Arbeitszeit auf 80 Prozent reduziert, weil sie nachmittags die Kleinen von Kita und Schule abholen möchte. Aber den Verantwortungsbereich belässt sie zu 100 Prozent beim Alten. Schließlich will sie, sobald es geht, wieder Arbeitszeit aufstocken. Alles sei nur eine Frage der Organisation, ist sie überzeugt. Einkäufe erledigt sie auf dem Heimweg, Telefonate für die Familie in der Pause. Und abends, sobald die Kinder im Bett sind, setzt sie sich nochmal an den Rechner, um die Aufgaben zu erledigen, die tagsüber liegen geblieben sind. Über Monate geht das gut – und auch, als sich Krankheitssymptome melden, finden sie keine Beachtung. Bis Blackouts sie in die Kloster Klinik Dießen führen.

Oder ein Ingenieur arbeitet über Monate jedes Wochenende, weil das Großprojekt ständig neue Komplikationen mit sich bringt. Als der Kollege ausfällt, übernimmt er dessen Arbeit – die Chefetage schaut untätig zu. Am Ende schleppt er sich trotz starker Rückenschmerzen zur Arbeit. Die Tortur findet nur ein Ende, weil das Großprojekt in die nächste Stufe und damit aus seinem Verantwortungsbereich geht. Seine Ehefrau sorgt sich derart um seine Gesundheit, dass er einen Therapeuten aufsucht.

Burn on Therapie

Zentral für die Behandlung des Burn-on-Syndroms ist, dass die Betroffenen überhaupt erkennen, was sie sich mit ihrem Lebensstil antun. Die vielarbeitende Mutter spürte erst in einer therapeutischen Übung, dass ihr das Familienleben tief in ihrem Herzen enorm wichtig ist. Doch 90 Prozent ihrer Zeit hatte sie über viele Jahre hinweg in den Job gesteckt. Die Unstimmigkeit rührte sie zu Tränen. Der Ingenieur mit Burn-on stellte fest, dass er im großen Stil Raubbau an seiner Gesundheit betrieb, indem er sich mit Schmerzmitteln vollpumpte, um dem Job standzuhalten.

„Wenn die Menschen bei uns in der Klinik an einen Punkt kommen, an dem sie sich damit konfrontieren, was sie sich antun, verändert sich etwas“, erklärt Psychologe Timo Schiele. Im Idealfall erkennen sie, was ihnen wirklich wichtig ist: Familie, Freunde oder auch Gesundheit. Und sie lassen den Gedanken zu, dass diese lebenswichtigen Facetten des Lebens nicht immer hinter der Leistungsideal zurück stecken können.

Burn on in der Klinik behandeln

Klingt simpel, ist aber harte Arbeit. Denn in gewisser Weise müssen die Menschen ihren innere Kompass völlig neu justieren. Ein echter Knackpunkt, kennen sie es in der Regel doch schlicht nicht anders. „Schon im Elternhaus haben sie gelernt, dass Arbeit immer vorgeht“, erklärt Timo Schiele. Was für andere Menschen nur Sprichworte sind, sind für sie innere Gesetze: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ – Wenn Lohnarbeit und Familienarbeit gleichermaßen als Arbeit gewertet werden, dann führt das fast automatisch in ein Leben ohne Platz für Pausen. „Das Leben ist kein Wunschkonzert.“ – Wer jede Anforderung von außen in der Annahme annimmt, dass man eben nicht wählerisch sein dürfe, erschöpft sich fast zwangsläufig.

Die Genesung führt in kleinen Schritten raus aus dem erschöpfenden Leben. Zum Beispiel, indem die Patient:innen anfangen, ihre Werte im Alltag auch zu leben. Feste Regeln und Rituale können dabei helfen. Wer für sich entdeckt hat, dass Gesundheit und innere Ruhe zentral wichtig sind, entwickelt vielleicht ein Morgenritual mit kurzer Meditation und Yoga-Übung als Einstieg in den Tag. Wer für sich die Familie als wichtigen Anker im Leben erkannt hat, verabredet mit seinen Liebsten ein gemeinsames Ritual, vielleicht ein Spiele-Abend. Auch Fragen an sich selbst  können fester Bestandteil des Lebens werden. Zum Beispiel die Frage: „Muss ich das wirklich?“, bevor man eine Aufgabe annimmt.

Zugleich vereinbaren die Patient:innen mit den Behandlern klare Zeitfenster im Tag, in denen die Arbeit wirklich außen vor bleibt. Keine Emails, keine Erreichbarkeit. Vielleicht nach 18 Uhr. Oder am Sonntag. Was wie kleine Schritte aussieht, ist im Leben der Burn-on-Betroffenen eine riesige Veränderung. Denn da, wo vorher alles vom Gurt der Leistung festgezurrt war, kommt plötzlich Bewegung rein. Die Rüstung bekommt Risse, durch die Licht und Luft kommt. Die Seele kann wieder aufatmen.

5 Tipps gegen Burn on: Für Burn-on-Gefährdete

1. Frühwarnzeichen ernst nehmen

Sie wollen schon seit Wochen eine gute Freundin anrufen oder mal wieder ausgiebig spazieren. Aber irgendwie ist nie die Zeit dafür und wenn, dann vertüdeln Sie den Freiraum am Ende doch mit irgendwelchen Erledigungen. Montags denken Sie bereits darüber nach, wie Sie bei Freitag alles schaffen sollen. Oder Sie hangeln sich energetisch von Urlaub zu Urlaub. All dies sind Frühwarnzeichen für ein Burn-on, die Sie ernst nehmen sollten.

2. Entspannung lernen

In unserer Leistungsgesellschaft können die meisten Menschen besser leisten als entspannen. Deshalb ist es wichtig, sich im Entspannen zu üben. Die Krankenkassen bieten viele kostenfreie oder günstige Kurse. Manche lieben Yoga, andere Autogenes Training. Wieder andere entspannen sich am besten beim Sport oder Kreativsein.

3. Pausen machen

Der Stressreport Deutschland der BAuA (Bundesamt für Arbeitsmedizin und Arbeitsschutz) zeigt: Ein Viertel der Beschäftigten lässt Pausen im Job aus. Unter weiblichen Führungskräften sogar 40 Prozent. Häufige Begründung: „Passt nicht in den Arbeitsablauf.“ „Zu viel Arbeit.“

Pausen sind nicht die Belohnung für Leistung, sondern eine Notwendigkeit. Machen Sie nach 60 bis 90 Minuten Anstrengung eine Pause. Bewegen Sie sich oder trinken Sie einen Tee, schauen Sie in die Ferne, um die Augen zu entspannen. Schon Pausen von 2 Minuten verbessern die Energiebalance.

4. Digital Detox

Die sozialen Medien sind perfekt, um sich abzulenken. Aber entspannend ist der Blick aufs Smartphone häufig nicht. Setzen Sie sich selbst einen klaren Rahmen für den Konsum von Instagram und Nachrichten. Zum Beispiel: Nach dem Frühstück Nachrichten lesen. Dann bis abends nicht mehr. Eine halbe Stunde Instagram pro Tag...

5. Hallo Gefühle

Wer ständig auf Hochtouren fährt, bekommt ein seltsames Gefühl, wenn er bremst. Vielleicht fühlt man sich unsicher, weil das klare Ziel der Deadline fehlt. Vielleicht fühlt man sich sogar unnütz oder ängstlich. Diese Gefühle gilt es ein Stück weit auszuhalten. Man kann sie neugierig betrachten. Dann gehen sie von selbst vorüber. Danach erst wird die ersehnte Entspannung spürbar.

Was ist mir wichtig? Fragen Sie sich immer mal wieder: Wer bin ich, wenn ich nicht leiste? Was ist mir sonst im Leben noch wichtig? Was ist für mich unverzichtbar? Was würde ich auf eine einsame Insel mitnehmen? Solche Gedankenspiele können dazu beitragen, dass wir erkennen, was wir tun können, um wieder Ausgleich und Lebensfreude ins Leben zu holen.

Podcast: Burnout verstehen – Was brennt uns aus?

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