Neurodiversität bei Kindern: Bedeutung, Beispiele & Diagnose
AD(H)S, Dyskalkulie, Legasthenie oder Hochbegabung sind einige Beispiele für Neurodivergenz, die bei Kindern auftreten können. Erfahren Sie, wie Sie Ihr neurodivergentes Kind bestmöglich beim Lernen begleiten und fördern können.
Fachexpertin: Rebecca Brielmaier, ausgebildete Erzieherin, Pädagogin und Fachberaterin im Bereich Eltern & Kind bei pme Familienservice.
Neurodiversität bei Kindern umfasst angeborene Unterschiede im Denken, Lernen und Verhalten – wie AD(H)S, Autismus, Legasthenie oder Hochbegabung. Der Ansatz betont die Vielfalt und Einzigartigkeit neurologischer Entwicklungen, ohne sie als Defizit zu werten. Eltern, Lehrkräfte und Fachleute können neurodivergente Kinder bestmöglich unterstützen, indem sie individuelle Stärken fördern, Barrieren abbauen und eine inklusive Lernumgebung schaffen.
Das erwartet Sie in diesem Beitrag:
In der heutigen Gesellschaft gibt es eine Vielfalt von Denk-, Lern- und Verhaltensweisen, die über das frühere Verständnis von “normal” hinausgehen. Diese natürliche Vielfalt neurologischer Entwicklungen wird Neurodiversität genannt und beschreibt unterschiedliche Gehirnstrukturen und -funktionen.
Etwa 20–22 % der Bevölkerung in der Europäischen Union gelten als neurodivers – das heißt, das Gehirn jeder fünften Person arbeitet anders als das der Mehrheit.
"Die Begriffe Neurodiversität und Neurodivergenz helfen uns, die unterschiedlichen Lern- und Verhaltensweisen wertzuschätzen und besser zu verstehen. Eine Gesellschaft, die Neurodiversität anerkennt, schafft Raum für individuelle Stärken und Bedürfnisse – und macht unsere Welt damit bunter und reicher." – Rebecca Brielmaier, ausgebildete Erzieherin, Pädagogin und Fachberaterin im Bereich Eltern & Kind bei pme Familienservice.
Werden neurologische Unterschiede wie Autismus, ADHS, Hochbegabung, Legasthenie oder Dyskalkulie bei Kindern diagnostiziert, ist es wichtig zu verstehen, dass neurodivergente Kinder einzigartige Fähigkeiten, Talente und Perspektiven mitbringen und dadurch unsere Gesellschaft bereichern. Indem wir ihre Bedürfnisse und Stärken anerkennen und unterstützen, schaffen wir eine inklusive und vielfältige Umgebung, in der jedes Kind die Möglichkeit hat, sein Potenzial zu entfalten.
Neurodivergente Kinder müssen häufig sehr viel Energie darauf verwenden, bestimmten Erwartungen, Standards und Normen gerecht zu werden. Manche versuchen, ihre Unterschiede in Wahrnehmung, Denken oder Verhalten zu verbergen – ein Verhalten, das Fachleute als Masking oder Camouflaging bezeichnen.
Dieser enorme Kraftaufwand kann auf Dauer die emotionale und kognitive Entwicklung belasten und das Risiko für psychische Probleme erhöhen.
Neurodivergenz – Einfach erklärt!
„Neurodivergenz“ setzt sich aus den Worten „neuro“ (Gehirn, Nervensystem) und „divergent“ (abweichend, unterschiedlich) zusammen.
Man spricht von Neurodivergenz, wenn bestimmte Gehirnfunktionen eines Menschen so deutlich anders arbeiten, dass es innerhalb der Gesellschaft nicht mehr als “normal” oder “neurotypisch” betrachtet wird. Mit diesem Begriff werden neurologische Unterschiede in Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Denken beschrieben, die sich von der gesellschaftlichen “Norm” unterscheiden und gleichzeitig Teil der menschlichen Vielfalt sind.
Was unterscheidet neurodivergente Menschen von „neurotypischen“?
Neurodivergente Menschen unterscheiden sich also in der Art und Weise, wie sie denken, lernen, fühlen und wahrnehmen. So hat sich Neurodiversität als Oberbegriff für Autismus, AD(H)S oder Legasthenie etabliert.
Anders als im traditionellen medizinischen Modell werden diese Unterschiede nicht als Krankheit oder Defizit betrachtet, sondern als natürliche Variation der neurologischen Entwicklung des Menschen. Neurodiverse Gehirne verarbeiten Informationen einfach anders, weshalb sie in einer von neurotypischen Gehirnen aufgebauten Gesellschaft größere Probleme und Herausforderungen zu bewältigen haben.
Woher kommt der Begriff Neurodivergenz?
Der Begriff “neurodivergent” wurde ursprünglich 1998 von Dr. Judy Singer im Zuge der Neurodiversitätsbewegung geprägt. Die Bewegung bezog sich damals vor allem auf Menschen mit Autismus und wurde von autistischen Aktivist:innen ins Leben gerufen, um eine positive Sichtweise auf neurologische Unterschiede zu fördern.
Auf dem “National Symposium of Neurodiversity” in New York wurde 2012 erstmals das Konzept der Neurodiversität im weiteren Sinne beschrieben. Dieses besagt demnach, dass neurobiologische Unterschiede als natürliche Veranlagung angesehen werden und biologische Tatsache sind, ähnlich wie wir es von Hautfarben oder Körpergrößen kennen.
Dieses vergleichsweise junge Konzept schuf damit eine begriffliche Alternative zu traditionellen Modellen der Medizin, die neurodiverses Verhalten als gestört oder pathologisch betrachteten. Denn neurodivergente Menschen sind aus Sicht der Neurodiversität nicht zwingend krank, sondern leben in einer Gesellschaft, die häufig von und für neurotypische Menschen geschaffen wurde. Daraus ergeben sich Herausforderungen und gesellschaftliche Barrieren, die zu Diskriminierung und Ungleichheit führen.
Was zählt zu Neurodiversität?
Neurodivergenz umfasst eine breite Palette von neurologischen Unterschieden und Variationen, die bei Kindern auftreten können. Dabei fallen auch viele in der Medizin diagnostizierte “Entwicklungsstörungen” in das Spektrum.
Diese Diagnosen fallen unter den Begriff “neurodivers”:
- Aufmerksamkeitsstörungen wie ADHS und ADS
- ASS (Autismus-Spektrums-Störung)
- Dyslexie (Legasthenie)
- Dyskalkulie (Rechenstörung)
- SMS (Sensorische Modulationsstörung)
- Dyspraxie (Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen)
- Hochbegabung
- Hochsensibilität
- Tourette-Syndrom
- Synästhesie
Darüber hinaus gibt es Diskussionen, ob psychische Erkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen wie Borderline ebenfalls dazu zählen sollten.
Neurodiversität bedeutet nicht automatisch eine Diagnose, sondern schließt alle Formen unterschiedlicher neurologischer Funktionsweisen ein.
Diagnose & Symptome: Wie erkennt man Neurodivergenz?
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Wie bereits erwähnt, bezieht sich Neurodivergenz auf Unterschiede in Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Denken. Sie ist aber keine Erkrankung, die behandelt werden muss.
Dennoch lassen sich Unterschiede zwischen neurotypischen und neurodivergenten Menschen feststellen.
Vereinfacht ausgedrückt können als neurotypisch Menschen verstanden werden, die in der Lage sind, schulische, berufliche und soziale Anforderungen mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, in einer ähnlichen Art und Weise, in ähnlicher Zeit und mit ähnlichem energetischen Aufwand wie der größte Teil der Mitmenschen, zu bewältigen.
Symptome von Neurodivergenz bei Kindern
Neurodivergenz bei Kindern zeigt sich auf vielfältige Weise. Es gibt keine „Einheits“-Symptome, sondern ein breites Spektrum unterschiedlicher Auffälligkeiten. Häufig äußern sich neurologische Besonderheiten
- in Herausforderungen bei der Aufmerksamkeit, beim Lernen,
- in der sozialen Interaktion
- oder in der sensorischen Wahrnehmung.
Wie zeigt sich Neurodivergenz bei Kindern im Alltag?
Für neurodivergente Menschen können somit ganz alltägliche Aufgaben oft zu besonderen Herausforderungen werden, weil unsere Gesellschaft bestimmte Erwartungen an „normales“ Verhalten stellt.
Wer von diesen Normen abweicht, stößt dabei schneller auf Hürden – nicht wegen mangelnder Fähigkeiten, sondern weil Strukturen und Abläufe nicht immer auf die vielfältigen Bedürfnisse ausgelegt sind.
Für neurodivergente Kinder bedeutet das im Alltag,
- dass sie oft alternative Strategien und Methoden benötigen,
- dass sie manchmal Hilfsmittel nutzen (z.B. Kopfhörer als Schutz vor Reizüberflutung),
- dass sie vermehrt Ruhe und Abstand zur Beruhigung des Nervensystems benötigen,
- dass ihnen Informationen in einer anderen Art und Weise präsentiert werden müssen, um Lernerfolge zu erzielen.
- dass sie mitunter zusätzliche Zeit brauchen, um Veränderungen zu verarbeiten und sich anzupassen,
- dass flexible und individuelle Lösungen in Schule, Beruf und Alltag entscheidend sind, um ihr Potenzial zu entfalten.
"Trotz aller Herausforderungen bringen neurodivergente Kinder oft einzigartige Talente mit. Sie sind häufig kreativ, besitzen ein gutes Detailgedächtnis, entwickeln intensive Interessen oder zeigen hohe Ausdauer in bestimmten Bereichen. Indem wir diese Stärken fördern, können sie ihr volles Potenzial entfalten und selbstbewusst wachsen." – Rebecca Brielmaier, ausgebildete Erzieherin, Pädagogin und Fachberaterin im Bereich Eltern & Kind bei pme Familienservice.
Diagnose bei Neurodivergenz bei Kindern
Die Diagnose neurodivergenter Entwicklungsformen erfolgt durch Fachärzte, Psychologen oder spezialisierte Therapeut:innen. Sie basiert auf Beobachtungen, Gesprächen und standardisierten Tests. Eine frühzeitige Diagnose ist entscheidend, denn sie ermöglicht es, gezielt passende Unterstützungsmaßnahmen einzuleiten.
Eltern, Erzieher:innen und Lehrkräfte spielen eine wichtige Rolle, indem sie aufmerksam beobachten, auffällige Verhaltensweisen dokumentieren und diese Informationen an Fachleute weitergeben. So kann eine umfassende Einschätzung erfolgen, die das Kind bestmöglich unterstützt.
Häufig treten sogenannte Komorbiditäten auf – das heißt, bei Kindern werden mehrere Diagnosen oder neurologische Besonderheiten gleichzeitig festgestellt, zum Beispiel AD(H)S und Legasthenie oder Autismus und Hochbegabung.
Die Kombination dieser verschiedenen Ausprägungen kann individuelle Herausforderungen und besondere Unterstützungsbedarfe mit sich bringen.
So unterstützen Sie Ihr neurodivergentes Kind beim Lernen
Neurodivergente Kinder können sich in ihrem Verhalten, ihrem Lernen oder ihrer Wahrnehmung deutlich von ihren Altersgenossen unterscheiden. Manche sind besonders aktiv und impulsiv, andere eher zurückgezogen oder stark fokussiert auf bestimmte Themen.
Auch sensorische Empfindlichkeiten oder Schwierigkeiten im sozialen Miteinander können auftreten. Wichtig ist: Diese Unterschiede sind Ausdruck der einzigartigen Arbeitsweise ihres Gehirns.
Neurodivergente Kinder möchten genauso gerne lernen wie neurotypische Kinder. In unserer Gesellschaft – insbesondere im bestehenden Bildungssystem – fällt ihnen das jedoch häufig deutlich schwerer, da die Erwartungshaltung nicht an die Realität von neurodivergenten Kindern angepasst ist. Der Schlüssel liegt also darin, die Arbeitsweise des Gehirns des Kindes zu verstehen und eine unterstützende Lernumgebung zu gestalten.
Wie Eltern Lernschwächen bei ihren Kindern erkennen und damit umgehen können, erfahren Sie in diesem Beitrag: Lernschwächen bei Kindern: Diagnose, Behandlung & Hilfe für Eltern
1. Individuelle Förderung
Neurodiverse Kinder können von individueller Lernförderung wie Nachhilfe profitieren, da sie unterschiedliche Lernstile und Bedürfnisse haben, die möglicherweise im Klassenraum nicht erfüllt werden können. Im 1:1-Unterricht kann der Tutor auf die spezifischen Stärken und Herausforderungen des Kindes eingehen.
2. Offene Kommunikation
Eltern sollten mit Lehrern darüber sprechen. Denn eine offene Kommunikation fördert das Verständnis und die Akzeptanz in der schulischen Umgebung. Eltern und Lehrer können gemeinsam daran arbeiten, Barrieren abzubauen, Vorurteile zu verringern und individuelle Lernziele zu erreichen.
3. Wenn-Dann-Pläne erstellen
Hat das Kind eine verringerte Impulskontrolle und Probleme sich zu konzentrieren, dann kann es helfen, Wenn-Dann-Pläne aufzustellen. “Wenn ich die Antwort weiß, aber der Lehrer mich nicht dran nimmt, dann schreibe ich sie auf, anstatt sie einfach hineinzurufen.” “Wenn ich mich bewegen will, stehe ich nicht einfach auf, sondern male mit den Fingern ein Muster auf die Tischplatte.”
4. Schwächen zu Stärken umformulieren
Kindern hilft es auch, wenn sie lernen, ihre vermeintlichen Schwächen als Stärke anzuerkennen. Wer seine Gedanken schweifen lässt, ist oft kreativ. Wer impulsiv ist, hat auch oft eine mitreißende Art und handelt spontan. Wer sich nicht lange auf eine Sache fokussieren kann, hat oft vielfältige Interessen und kann dadurch Zusammenhänge besser erkennen.
5. Professionelle Hilfe in Anspruch nehmen
Das Konzept der Neurodiversität sieht neurologische Besonderheiten nicht als Erkrankungen, sondern als natürliche Varianten menschlicher Entwicklung. Dennoch ist eine medizinische Diagnose wie Autismus oder AD(H)S oft wichtig, um Zugang zu Therapien, Hilfsmitteln und Medikamenten zu erhalten.
Fachärzte, Therapeut:innen und spezialisierte Beratungsstellen können Eltern und Kindern wertvolle Orientierung geben und gemeinsam Strategien entwickeln, die lebenspraktisch und wirksam sind. Eine Diagnose ist somit nicht nur ein offizieller Befund, sondern ein wichtiger Schritt zu mehr Selbstverständnis, Entlastung und gezielter Förderung.
Unsere Elternberater:innen begleiten Eltern in allen Fragen von der Schwangerschaft bis zum Erwachsenwerden des Kindes.
Persönlich und vertraulich: Wir sind online, telefonisch und vor Ort für Sie da. Mehr Informationen finden Sie auf der Seite der pme Elternberatung.
Buchtipps von Rebecca Brielmaier zu Neurodiversität bei Kindern
Bücher für Eltern von neurodivergenten Kindern:
- "Ein Kopf voll Gold: Was neurodivergente Kinder brauchen und wie wir sie stärken können" von Saskia Niechzial
- "Wundervoll anders" von Louise Gooding (DK Verlag). Ein einfühlsames Sachbuch für Kinder ab ~7 Jahren und ihre Eltern, das neurodivergente Unterschiede wie **AD(H)S, Autismus und Legasthenie kindgerecht erklärt und als Stärke darstellt.
- „Mein besonderes Kind: Ein Ratgeber für Eltern neurodivergenter Kinder“ von Petra Kruse. Ein einfühlsamer Leitfaden, der praktische Tipps und Erklärungen zu den verschiedenen Formen der Neurodivergenz gibt.
Bücher für Kinder und Eltern zum gemeinsamen Lesen:
- “Linus liebt Licht Pappbilderbuch” von Mendel Anna, Sturm Jasmin
- “Astronautenkinder” von Natscha Berger und Anna Taube
- “Mein großer Bruder Matti” Kindern ADHS erklären Autor: Anja Freudiger
FAQ: Neurodiversität bei Kindern
Was bedeutet Neurodiversität bei Kindern?
Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt in Denken, Lernen und Verhalten bei Kindern. Unterschiede wie AD(H)S, Autismus oder Hochbegabung gehören dazu.
Welche Beispiele für neurodivergente Kinder gibt es?
Zu den häufigsten Formen zählen AD(H)S, Autismus-Spektrum-Störung, Legasthenie (LRS), Dyskalkulie und Hochbegabung.
Wie zeigt sich Neurodivergenz im Alltag?
Neurodivergente Kinder können besondere Herausforderungen bei Aufmerksamkeit, sozialem Umgang oder sensorischer Wahrnehmung haben und benötigen oft individuelle Unterstützung.
Wie wird eine Diagnose gestellt?
Fachärzte, Psycholog:innen oder Therapeut:innen führen Diagnosen durch – meist anhand von Gesprächen, Beobachtungen und Tests. Eltern und Lehrkräfte unterstützen diesen Prozess durch Dokumentation und Austausch.
Wie kann ich mein Kind beim Lernen unterstützen?
Setzen Sie auf individuelle Förderung, offene Kommunikation mit der Schule und flexible Lernlösungen. Akzeptieren Sie Unterschiede und stärken Sie die besonderen Fähigkeiten Ihres Kindes.
Ist Neurodiversität eine Krankheit?
Nein. Neurodiversität beschreibt natürliche neurologische Unterschiede und ist keine Erkrankung, die behandelt werden muss.