Autist Nico Löffler und Podcast Host Olli Schmidt
Psyche

Folge 47: Autismus verstehen

Was bedeutet Autismus im Alltag – und wie läuft eigentlich eine Diagnose ab? In dieser Podcast-Episode berichtet Nico von seinen persönlichen Erfahrungen und erklärt, was hinter Begriffen wie Neurodivergenz, Masking und Overload steckt. Der Podcast liefert praxisnahe Einblicke in Symptome, Herausforderungen und Unterstützungsangebote rund um das Autismus-Spektrum.

Darum geht es in dieser Folge:

  • Neurodivergenz und neurotypisch: Begriffe im Überblick
  • Typische Symptome und Alltagsstrategien bei Autismus
  • Masking, Overload und Umgang mit Reizüberflutung
  • Diagnostik: Wege und Hürden zur Autismus-Diagnose

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Auszug aus dem Podcat-Interview mit Nico Löffler:

Nico, was ist eigentlich diese Neurodivergenz und was versteht man unter dem Begriff neurotypisch?

Nico: Der  Überbegriff der Neurodiversität bezeichnet, dass menschliche Gehirne unterschiedlich funktionieren. Es gibt die neurotypischen Menschen, also der Durchschnitt. Und dann gibt es Menschen, die in ihrer Neurologie, also in der Funktionsweise des Gehirns, bisschen mehr abweichen. Und die nennt man neurodivergent. Darunter fallen dann ebenso Diagnosen wie Autismus oder auch beispielsweise ADHS.

Welche Symptome gibt es bei Autismus?

Nico: Probleme mit Veränderungen, Routinenbedürfnis, Bedürfnis nach Struktur zum Beispiel. Wichtig zu wissen ist, dass es Autismus mit und ohne kognitiven Einschränkungen geben kann. Das betrifft also alle Intelligenzbereiche, könnte man sagen.

Es kann sein, dass jemand stark kognitiv eingeschränkt ist und dadurch Probleme hat. Es kann aber auch sein, dass jemand eine durchschnittliche oder überdurchschnittliche Intelligenz hat und dann in seinem Alltag eher jetzt keine Probleme hat, Dinge zum Beispiel kognitiv zu erfassen. Das ist bei mir so, ich habe keine kognitive Einschränkung. Trotzdem habe ich eine Menge Schwierigkeiten durch den Autismus. Das betrifft in der Regel immer die groben Überbereiche Kommunikation, Interaktion und repetitive Verhaltensweisen.

Das musst du einmal kurz erklären. Repetitiv.

Nico: Ja, repetitiv heißt sich wiederholend. Also Verhaltensweisen, die Stereotyp sind, die immer wieder auf gleiche Weise gemacht werden. Da zählt zum Beispiel dazu, dass man Routinen im Alltag hat, weil einem Sicherheit geben und vertraut sind und man so Abläufe genau planen kann und man weniger stark mit spontanen Veränderungen in Kontakt kommt.

Es betrifft aber auch Spezialinteressen zum Beispiel. Das sind Interessen, sehr intensiv sind, die teilweise auch sehr besondere, spezifische Themen haben. Bei mir ist es zum Beispiel Harry Potter oder das Universum finde ich auch total faszinierend und damit kann ich mich stundenlang beschäftigen, und zwar soweit, dass ich mich da drin verlieren kann auch und vielleicht auch wichtige Dinge des Alltags mal darüber vergesse.

Gibt es noch weitere Symptome, die wichtig sind, wenn wir über Autismus sprechen?

Nico: Auf jeden Fall. Also ein großer Bereich ist natürlich auch der soziale Bereich. Wenn es eben um Kommunikation geht mit anderen Menschen. Also wenn ich zum Beispiel bestimmte Formen von Mimik und Gestic versuche selber einzusetzen oder beim Gegenüber zu erkennen versuche.

Und dann gibt es noch die Interaktion. Das ist die Fähigkeit, wechselseitige Gespräche zu führen. Also Gespräche, wo man aufeinander eingeht. Eine Person sagt was, die andere Person geht darauf ein und antwortet darauf und die andere Person geht darauf wieder ein. Das sind eben so Dinge, die fallen autistischen Menschen schwer. 

Überforderung, Overload und Strategien im Alltag. Was passiert, wenn es zu viel wird?

Nico: Wenn manche Autisten zum Beispiel so sehr überreizt werden, dass sie dann in einen sogenannten Overload kommen beispielsweise. Das ist eine Reizüberflutung, wo man dann so überwältigt wird von den verschiedenen Umgebungsreizen. Vielleicht reden Menschen um einen herum ganz laut und dann blendet noch was und dann hat man noch irgendeinen unangenehmen Geruch in der Nase und das ist dann irgendwann einfach zu viel. Dann gibt es unter Umständen auch einen sogenannten Overload und dann macht der Kopf quasi dicht und man hat eine völlige Überforderung innerlich und das kann dann auch nicht so schön enden.

Was hilft dir dann in so einem Moment?

Nico: Das Beste wäre so einen Overload vorzubeugen. Gucken, dass es gar nicht erst so weit kommt. Dass man vorher schon Rückzug sucht, seine Mitmenschen vielleicht auch vorwarnt und sagt, so und so kann das bei mir schnell mal zu einer Überreizung oder Überforderung führen. Ich mach mich dann bemerkbar und ziehe mich vielleicht zurück. Kleine Hilfsmitteln können auch helfen, wie Kopfhörer oder eine Sonnenbrille bei Reizen. Es gibt dann den Begriff des Stimmings, das fällt übrigens auch unter diese repetitiven Verhaltensweisen, unter diese sich wiederholenden Sachen, dass man kleine Dinge tut, die die Sinne stimulieren, aber auf positive Weise.

Heiter bis stürmisch – der Alltags-Podcast mit Olli Schmidt 

Willkommen bei "Heiter bis stürmisch" – dem Alltags-Podcast. Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt: Das Leben hat Höhen und Tiefen. Genau darum geht es bei uns: um die alltäglichen Krisen wie Streit mit dem Partner oder der Partnerin, Erziehungsfragen, Überlastung im Job, Unsicherheiten und Angst. Wir sprechen mit Expert:innen und geben Ihnen praktische Tipps an die Hand, damit Sie besser mit Krisen und Herausforderungen umgehen können. 

Unseren Podcast gibt es auf allen bekannten Podcast-Plattformen zu hören (Spotify, Apple Music, Audible etc.)! Fragen, Anregungen, Kritik, Wünsche? Schreiben Sie uns gerne an: podcast@familienservice.de 

 

null Helikoptereltern: Auswirkungen überfürsorglicher Erziehung

Ein Mädchen hängt überkopf vom Baum
Eltern & Kind

Was macht Helikopter-Eltern aus?

Die ängstliche Mutter, die ihr Kind überall mit dem Auto hinbringt und auch wieder abholt, der kontrollierende Vater, der die schulischen Leistungen ganz genau im Blick hat und kein Lehrergespräch scheut ...  

Während viele Eltern ihre Kinder unterstützen möchten, um ihnen den Weg zu ebnen, geraten sie häufig in die Rolle der „Helikopter-Eltern“. Diese überfürsorgliche Haltung, die meist aus eigenen Sorgen und Ängsten resultiert, kann jedoch die Entwicklung der kindlichen Selbstständigkeit stark beeinflussen. 

Ein Beitrag von Ramona Krämer, Elternberaterin und systemische Familientherapeutin beim pme Familienservice.

Was sind “Helikopter-Eltern”?  

Als „Helikopter-Eltern“ werden Eltern bezeichnet, die ständig in der Nähe ihrer Kinder sind und wie ein Helikopter um sie herum kreisen, um jederzeit eingreifen zu können, wenn sie glauben, dass ihr Kind Unterstützung oder Schutz benötigt. 

Der Erziehungsstil von Helikopter-Eltern zeichnet sich aus durch

  • Überinvolviertheit
  • Einschränkung der kindlichen Autonomie 
  • Überbehütung 
  • Schuldzuweisung gegenüber Dritten, z. B. wenn Erzieher:innen verantwortlich gemacht werden, wenn das eigene Kind Konflikte in der Kita hat.

Was ist der Unterschied zwischen Helikopter-Eltern und Rasenmäher-Eltern? 

Im Gegensatz zu Helikopter-Eltern versuchen Rasenmäher-Eltern, jede potenzielle Herausforderung oder Schwierigkeit frühzeitig – am besten bereits im Vorfeld – aus dem Weg zu räumen. Sie „mähen“ alle Hindernisse ab, bevor das Kind diesen begegnet. 

Beide Erziehungsstile sind von einer starken Überfürsorglichkeit geprägt, jedoch mit unterschiedlichem Ansatz: Helikopter-Eltern agieren reaktiver, während Rasenmäher-Eltern mehr im Voraus planen und handeln.

Was steckt dahinter, wenn Eltern überfürsorglich sind?  

Die Überfürsorglichkeit von Helikopter-Eltern entspringt oft aus ihren eigenen Ängsten heraus.

Meist gibt es Gründe für das überbehütende Verhalten der Eltern, die in ihrer Vergangenheit liegen und mit Erfahrungen – vor, während oder nach der Schwangerschaft – verbunden sind: beispielsweise eine lange Kinderwunschbehandlung, Komplikationen in der Schwangerschaft oder bei der Geburt, Frühgeburten, ebenso wie postpartale Depressionen oder auch die eigene Erziehung, mit der sie groß geworden sind. 

Gleichzeitig wird die Welt immer komplexer, und durch die mediale Berichterstattung erfahren wir von vielen Unglücken um uns herum und in der Welt, wodurch wir das Gefühl bekommen, dass die Welt gefährlicher und unsicherer für unsere Kinder ist. 

Der Wunsch nach Kontrolle entspringt oft dem Bedürfnis, etwas gegen die eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit zu tun.
 

Wir überschätzen die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen! 

In der Psychologie spricht man von der Verfügbarkeitsheuristik: eine verkürzende, kognitive Schlussfolgerung, bei der die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen je nach Aktualität und Lebendigkeit in der Erinnerung eingeschätzt wird. 

Das bedeutet: Tragische Nachrichten brennen sich ein, führen zu einem erhöhten Risikogefühl und somit zu Fehleinschätzungen und Urteilsfehlern. Folge sind oft verstärkte Schutzmaßnahmen 

Welche Auswirkungen haben Helikopter-Eltern auf ihre Kinder?  

Der überbehütende Erziehungsstil führt dazu, dass Kinder ängstlich werden und selbst Phobien oder Ängste entwickeln können.

Bevor Kinder eigene Erfahrungen sammeln können, verlassen sie sich auf die Erfahrungswerte ihrer Bezugspersonen. Diese Art von Erfahrungsübertragung ist sehr langlebig, im Gegensatz zu anderen Lernweisen, die schnell verblassen, wenn sie nicht wiederholt werden.

Phobien und Ängste, wie z. B. die Angst vor Spinnen oder dem Zahnarzt oder Verlustangst, werden von der primären Bezugsperson auf ihre Kinder übertragen. Das passiert auf nonverbaler Ebene, durch Mimik, Gestik, Geruch. 

Was hilft? Die eigene Angst benennen und offenlegen! 
 

Machen Sie den Realitätscheck!

Tauschen Sie sich mit anderen Eltern oder Ihrer/Ihrem Partner:in aus: 

- Gibt es reale Gefahren oder ist es eine gefühlte Unsicherheit? 

- Was ist Kindern in diesem Alter zuzutrauen? 

- Wie handhaben Sie das? 

- Haben Sie ähnliche Ängste?

 

ABER das elterliche Vorbild entscheidet nicht alleine darüber, ob ein Kind Ängste entwickelt. Hierbei spielen auch genetische, biologische und soziokulturelle Einflüsse eine Rolle. 

Beispiel 1: Eine ängstliche Mutter begrenzt den Bewegungsfreiraum ihres abenteuerlustigen Sohnes, was zu häufigen Konflikten führt. Obwohl die mütterliche Angst oft spürbar ist, überträgt sie sich vermutlich nicht direkt auf den Sohn. 

Beispiel 2: Ein eher vorsichtiges Kind wird von seinen Eltern in seiner Selbstständigkeit stark eingeschränkt. Es traut sich immer weniger zu, Herausforderungen alleine zu meistern, und lernt nicht,  Handlungsfähigkeit zu entwickeln. 

Wie verhalten sich Kinder von Helikopter-Eltern? 

Die Überfürsorglichkeit der Helikopter-Eltern hat einen starken Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder. Das zeigt sich sowohl in der Motorik, bei der Einschätzung von Risiken und in der Frustrationstoleranz.

Der Einfluss auf die motorische Entwicklung und Risikobewertung der Kinder

Die Unfallkasse Hessen hält in ihrer Schriftreihe “Mehr Sicherheit durch Bewegung” fest, dass Kinder, die sich frei bewegen dürfen, weniger Unfälle haben. Kinder brauchen die freie Bewegung und den Raum, selbst Erfahrungen machen zu können.

Sie brauchen Herausforderungen, Grenzerfahrungen und Erlebnisse des Scheiterns, um zu lernen, Risiken richtig einzuschätzen und Selbstvertrauen zu entwickeln.

Der Einfluss auf die Resilienz und Frustrationstoleranz der Kinder 

Überbehütete Kinder, die während des Aufwachsens kaum negative Emotionen, Konsequenzen und Frust spüren, entwickeln weniger Selbstwirksamkeit und leiden häufiger unter Angststörungen, zeigen die Studien der Universität Stanford (2021) sowie der Florida Atlantic Universität (2023).  

Umso wichtiger ist es, dass Kinder früh und altersgerecht lernen, mit Frustrationen, Ungerechtigkeit, Konflikten oder auch Unfällen umzugehen. 

Wie können wir unsere Kinder starkmachen? 

Eltern – und gerade Helikopter-Eltern – müssen lernen, die eigenen Ängste und Sorgen auszuhalten.  

Statt das eigene Kind mit gutgemeinter Überfürsorglichkeit einzuschränken, müssen Kinder in ihrer Selbstständigkeit unterstützt werden. Auf diese Weise können sie Krisenkompetenzen entwickeln und lernen, sich selbstständig zu behaupten.  

Das bestätigt auch die Studie der Florida Atlantic Universität (2023), die belegt, dass Kinder und Jugendliche, die viel Zeit mit freiem und auch riskantem Spiel verbringen und es gewohnt sind, Probleme ohne elterliche Anleitung zu lösen, mental zufriedener sind. 

Daher ist es wichtig, dass Eltern die Selbstwirksamkeit und Resilienz ihres Kindes fördern und ihm den benötigten Freiraum geben.

5 Tipps, wie Sie ein gesundes Maß an Fürsorge finden

1. Sehen Sie Fürsorge als Unterstützung zur eigenständigen Entwicklung Ihres Kindes. Das langfristige Ziel von Eltern sollte es sein, sich selbst entbehrlich zu machen. Schließlich wollen wir, dass unsere Kinder, wenn sie ausziehen, ihr Leben alleine regeln können. 

2. Helfen Sie Ihrem Kind nur, wenn es danach fragt.  

3. Stellen Sie Ihrem Kind Fragen, statt direkt Antworten zu geben und so einen Lösungsweg vorwegzunehmen. 

4. Nehmen Sie Ihrem Kind Herausforderungen nicht ab, sondern unterstützen Sie es, selbst eine Lösung zu finden. 

5. Unterstützen Sie immer nur so lange, bis der Punkt erreicht ist, an dem Ihr Kind alleine übernehmen kann. 

""Die Aufgabe der Eltern besteht darin, ihr Kind nur so lange zu unterstützen, bis das Kind allein übernehmen kann – nicht dem Kind alles abzunehmen oder die Herausforderungen aus dem Weg zu räumen." - Ramona Krämer, Elternberaterin pme Familienservice

Die pme-Elternberatung

Unsere Elternberater:innen begleiten Eltern in allen Fragen von der Schwangerschaft bis zum Erwachsenwerden des Kindes.  

Persönlich und vertraulich: Wir sind online, telefonisch und vor Ort für Sie da. Mehr Informationen finden Sie auf der Seite der pme Elternberatung.