Zu sehen sind Anna Kipp Menke, systemische Coachin und Oliver Schmidt, Podcast-Host
Psyche

Folge 48: Was macht Freundschaften stark?

Gute Freundschaften stärken unser Wohlempfinden. Neue Lebensphasen mit Kindern, Leistungsanforderungen oder ständige Vergleiche in sozialen Medien können unsere Freundschaften jedoch verändern oder auf die Probe stellen. Was ist das Geheimnis langer Freundschaften und wie überwinden wir Konflikte und wachsen gemeinsam mit unseren Freunden?

Wie entstehen Freundschaften, welche Rolle spielt Technologie, wann tragen sie uns und wann entwickeln sie sich auseinander? Anna Kipp Menke ist Systemische Coachin beim pme Familienservice und erklärt, wie Freundschaften unsere Resilienz fördern, wie uns konstruktives Feedback gelingt und warum unterschiedliche Erwartungen unbedingt besprochen werden sollten.

Anna gibt praxistaugliche Tipps: Wie kommen wir in gute Gespräche mit unseren Freunden? Welche Worte geben Halt und wann ist Zuhören wichtiger als jede Lösung? 

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Darum geht es in dieser Folge:

  • Wandel durch Technologie: Chancen und Fragilität digitaler Verbindungen 
  • Wie Freundschaften entstehen: Mere‑Exposure, Gemeinsamkeiten und Random Acts of Kindness 
  • Freundschaft in Lebensphasen: Kindheit, Pubertät, junge Erwachsene, Familienphase, höheres Alter 
  • Warum Freund:innen unser Wohlbefinden schützen (Resilienz, PERMA-Modell) 
  • Kritik, Feedback und das Johari‑Fenster: Blinde Flecken erkennen und gemeinsam wachsen 
  • Erwartungen und Bedürfnisse: Nähe vs. Distanz und wie man sie anspricht 
  • Freundschaftspflege: Rituale, Offenheit, Verzeihen und kleine Gesten als „Dünger“

Auszug aus dem Podcast-Interview:

Oliver: Bei mir ist Anna Kipp‑Menke vom pme Familienservice in Stuttgart. Anna, hast Du eine beste Freundin?

Anna: Das ist nicht einfach zu beantworten. „Beste Freundin“ hängt von der Lebensphase ab. Bei Jugendlichen hat das eine andere Bedeutung als bei Menschen im mittleren Alter. Es kommt darauf an, was ich gerade brauche.

Oliver: Freundschaften sind also oft kontextabhängig — Fußballfreund, Arbeitsfreund, private Freundschaft.

Anna: Genau. Die Art der Verbindung bestimmt, worüber wir sprechen können. Manche Freundschaften sind kollegial, andere sehr privat.

Oliver: Wie haben sich Freundschaften verändert?

Anna: Früher entstanden Freundschaften häufig zufällig, etwa durch die Schulbank. Heute haben wir viel mehr Wahlmöglichkeiten und digitale Möglichkeiten. Das ist ein Vorteil — wir können über Entfernungen in Kontakt bleiben — aber es macht Freundschaften auch fragiler.

Längere Freundschaften zeichneten sich früher oft durch Verzeihen aus; heute gibt es mehr Alternativen und weniger Verbindlichkeit.

Oliver: Stichwort Erwartungshaltungen durch Technologie — Lesebestätigungen, schnelle Antworten.

Anna: Ja. Freundschaft bedeutet auch Unterstützung und Bestätigung: das Gefühl, so in Ordnung zu sein, wie man ist. Freund:innen spiegeln uns, geben Zuspruch, dürfen aber auch Kritik üben. Wohlwollen und Vertrauen sind zentral.

Oliver: Wie verändert sich das in den Lebensphasen?

Anna: Im Spielalter lernen Kinder soziale Kompetenzen durch Spielen. In der Pubertät werden Freundschaften zentral für die Identitätsfindung: Wer bin ich, welche Werte habe ich? Im jungen Erwachsenenalter spielen Netzwerken und Selbstverwirklichung eine Rolle.

Während Familien‑ und Berufsphase wird es schwieriger, Freundschaften zu pflegen — obwohl soziale Unterstützung dann besonders protektiv ist. Im höheren Alter werden Freundschaften wieder wichtiger, weil Verluste zunehmen.

Oliver: Was macht Freundschaften stark?

Anna: Gemeinsame Erfahrungen und Krisen, die man zusammen überstanden hat, schaffen Tiefe. Auch unterschiedliche Bedürfnisse — Nähe versus Distanz — sollten offen besprochen werden. Wenn Erwartungen unausgesprochen bleiben, entstehen Enttäuschungen.

Oliver: Wie entstehen Freundschaften?

Anna: Ein Faktor ist der Mere‑Exposure‑Effekt: Je öfter wir jemanden sehen, desto eher entsteht Sympathie, vorausgesetzt der Ersteindruck ist nicht negativ. Offenheit, Freundlichkeit ohne Gegenleistung (Random Acts of Kindness) und Gemeinsamkeiten spielen ebenfalls eine Rolle. Persönlichkeitstendenzen wie Extraversion beeinflussen, wie leicht Kontaktknüpfen fällt.

Oliver: Und welchen Einfluss haben Freundschaften auf das Wohlbefinden?

Anna: Soziale Unterstützung senkt Stress und ist ein starker Schutzfaktor. Langzeitstudien zeigen: Gute soziale Kontakte sind zentral für ein gelingendes Leben. Das bestätigt auch das PERMA‑Modell — Relationships sind ein Schlüssel für Wohlbefinden.

Oliver: Wie wichtig ist Feedback in Freundschaften?

Anna: Sehr wichtig. Das Johari‑Fenster zeigt, dass wir blinde Flecken haben — Aspekte, die anderen auffallen, uns selbst aber verborgen bleiben. Freund:innen können uns wohlwollend Rückmeldung geben: „Du wirkst gerade so.“ Ich‑Botschaften sind dabei hilfreicher als Vorwürfe, weil sie den Dialog öffnen.

Oliver: Was, wenn Erwartungen unterschiedlich sind?

Anna: Dann lohnt es sich, Erwartungen offen zu besprechen. Viele Konflikte entstehen durch unausgesprochene Annahmen. Offenheit, Verständnis und gelegentliches Verzeihen sind wichtig.

Oliver: Zum Schluss: Was braucht eine Freundschaft konkret?

Anna: Freundlichkeit, Offenheit, Zuhören, Verständnis, Feedbackbereitschaft, kleine Rituale und gemeinsame Erlebnisse. Freundschaften sind wie Pflänzchen: ab und zu Sonne, Wasser und etwas Dünger — und das kann sehr unterschiedlich aussehen, je nach Person.

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