#53: Wenn du einfach nicht aufräumen kannst: Ordnungscoachin über die Ursachen
Viele Menschen können einfach nicht aufräumen. Der Grund ist meistens nicht Faulheit, sondern chronische Erschöpfung, ADHS oder festgefahrene Muster. In Folge 53 erklärt Ordnungscoachin Sarah Kiefer, warum „Messi“ oft fehlinterpretiert wird und welche kleinen, praktischen Methoden (Mini‑Schritte, Zeitboxen, Bodydoubling) echten Alltagserfolg bringen.
„Ich kann einfach nicht aufräumen". Diesen Satz hört Ordnungscoachin Sarah Kiefer von Ordnungswelt fast täglich. Wer nicht aufräumen kann, ist nicht unbedingt bequem und umgekehrt sind viele Gründe fürs "Nicht-Aufräumen-Können" unsichtbar. Erschöpfung nach Arbeitstagen, ADHS-Typiken, Long-Covid oder Depressionen führen dazu, dass Entscheidungen, Planung und das Halten von Routinen schwerfallen.
In diesem Podcast erfährst du:
- Warum "ich kann einfach nicht aufräumen" oft kein Charakterzug ist, sondern ein Symptom
- Was chronische Desorganisation und „Messy/Hoarding“-Verhalten unterscheiden
- Wie Erschöpfung, ADHS, Long‑Covid oder Depression das Aufräumen erschweren
- Wie Scham und Social‑Media‑Vergleiche das Problem verschärfen
- Typische Muster: Alles‑oder‑nichts, Planungs‑ und Entscheidungsblockaden
- Priorisieren: Wo hilft Aufräumen wirklich im Alltag?
- Methoden: Bodydoubling, Club‑Sessions, kurze Zeitfenster und Impulse
- Priorisieren: Wo hilft Aufräumen wirklich im Alltag?
- Wann therapeutische Unterstützung nötig ist und wie Coach:innen vermitteln
Auszug aus dem Podcast-Interview mit Ordnungscoachin Sarah Kiefer:
"Tipps oder einzelne Auktionen helfen selten dauerhaft"
Oliver Schmidt: Sarah, was versteht man unter „chronischer Desorganisation“ — und wodurch unterscheidet sich das von normaler Unordnung, die alle mal haben?
Sarah Kiefer: Chronische Desorganisation bedeutet, dass Menschen über lange Zeiträume nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Es ist nicht nur ein gelegentliches Chaos nach einem stressigen Tag, sondern ein dauerhaftes Muster: das ganze Zuhause hat keinen festen Platz, Betroffene fühlen sich überwältigt und können nicht einschätzen, wie sie ein Projekt angehen sollen.
Häufig liegen neurodivergente Belastungen (z. B. ADHS), gesundheitliche Einschränkungen wie Long‑Covid oder psychische Erkrankungen wie Depressionen zugrunde. Deshalb helfen einfache Tipps oder einzelne Aufräumaktionen selten dauerhaft. Die Ursachen wirken tiefer und erfordern oft begleitende Strategien.
Wie unterscheidet sich das sogenannte „Messi‑Syndrom“ davon? Oder ist das nur ein extremes Beispiel von Unordnung?
Sarah Kiefer: Das, was im Deutschen oft „Messi‑Syndrom“ genannt wird, entspricht eher dem Begriff „hoarding disorder“ im Englischen. Das ist eine Form der chronischen Desorganisation, bei der das Problem vor allem im Nicht‑Loslassen‑Können liegt: Menschen entwickeln sehr enge, emotionale Beziehungen zu Gegenständen, können Dinge nicht weggeben und sammeln übermäßig.
Bei diesen Fällen hilft reines Aufräumen oft nicht und kann sogar schädlich sein, wenn die betroffene Person nicht psychotherapeutisch begleitet wird. Wichtig ist außerdem: ähnliche Wohnverhältnisse können aus ganz anderen Gründen entstehen — etwa durch Depression oder Erschöpfung — und erfordern jeweils unterschiedliche Zugänge.
Medien greifen das Thema gern pauschal auf und stempeln alles als „Messi“, dabei sind die Ursachen sehr verschieden.
Welche typischen Verhaltensmuster siehst du bei Menschen mit ADHS oder ähnlichen Herausforderungen. Warum führt das so häufig zu anhaltender Unordnung?
Sarah Kiefer: Bei Menschen mit ADHS und verwandten Herausforderungen sind einige Muster besonders häufig: Probleme mit Priorisierung und Planung, das „Alles‑oder‑Nichts‑Denken“ und fehlende Routinen. Viele denken: „Wenn ich es nicht richtig machen kann, fange ich lieber gar nicht erst an.“
Dazu kommt die Schwierigkeit, Aufwand und Dauer eines Projekts realistisch einzuschätzen, Entscheidungen zu treffen und beim ersten Hindernis dranzubleiben. Perfektionismus spielt manchmal mit: wenn der Schrank nicht perfekt einsortiert werden kann, bleibt die Wäsche liegen.
Energiemangel und Erschöpfung verstärken das. Wer am Ende des Tages kaum noch kognitive Ressourcen hat, schafft die zusätzlichen Entscheidungen nicht.
Du sagst „Ordnung heißt wissen, wo etwas ist“. Kannst du das konkretisieren? Wie muss man Ordnung denken, damit sie im Alltag wirklich hilft?
Sarah Kiefer: Ja, für mich heißt Ordnung primär funktional wissen, wo etwas ist, und es schnell wiederfinden. Ästhetik kommt danach. Praktisch heißt das: feste Plätze für Alltagsdinge (Schlüssel, Geldbörsen, wichtige Papiere), Abläufe bewusst machen (z. B. wo landet die Post, wie geht eine Rechnung vom Briefkasten bis zur Zahlung) und kleine, praktikable Lösungen einbauen (ein Regal für Jogginghosen neben der Tür, ein beschrifteter Korb).
Wichtig ist, das eigene Nutzungsverhalten zu beobachten: Wann und wie benutzt du bestimmte Dinge? Daraus ergibt sich, wo etwas sinnvoll aufgehoben wird. Ziel ist, den Alltag zu vereinfachen, nicht ein perfektes Instagram‑Bild zu erzeugen.
In Partnerschaften entstehen ja oft Konflikte wegen unterschiedlicher Ordnungsbedürfnisse. Wie kann man das praktisch lösen?
Sarah Kiefer: Das beginnt mit Kommunikation und Rollenklärung: offen benennen, wer welche Rolle im Haushalt übernimmt und wie sich beide dabei fühlen. Oft hilft es, gemeinsam Prozesse sichtbar zu machen und Bereiche zu beschriften — das entlastet die Person, die bisher alles im Kopf behalten hat.
Vorleben funktioniert besser als Belehren: wer zuerst für sich kleine Regelungen umsetzt, kann die Partnerin oder den Partner eher mitnehmen. Konkrete Regeln (z. B. wer macht was in der Küche) und humorvolle Vereinbarungen (bei uns darf der zweite nicht mehr in die Küche, wenn der erste schon kocht) können Konflikte entschärfen.
"Wir arbeiten in kleinen, messbaren Schritten"
Ihr bietet unter anderem „Body‑Doubling“ an — was ist das genau und wie hilft es Menschen beim Aufräumen?
Sarah Kiefer: Body‑Doubling bedeutet, dass Menschen gleichzeitig an ihren eigenen Aufgaben arbeiten: physisch zusammen oder digital per Video. Alle starten zur gleichen Zeit, arbeiten still und tauschen anschließend kurz ihre Erfahrungen.
Das erzeugt Verbindlichkeit und einen sozialen Rahmen: die Anwesenheit anderer motiviert und reduziert Aufschiebeverhalten. In unserem Ordnungswelt-Club kombinieren wir das mit kurzen Impulsen (z. B. eine Methode oder Musik zum Aufräumen), dann eine stille Umsetzungsphase von 45–60 Minuten und ein kurzes Abschluss‑Feedback. Das hilft, realistische Ziele zu setzen und tatsächlich dranzubleiben.
Papierkram und finanzielle Ordnung sind bei vielen Menschen ein besonders belastendes Thema. Wie geht ihr das an?
Sarah Kiefer: Papiere sind oft emotional schwer, weil mit ihnen Aufgaben, Sorgen und Scham verbunden sind (z. B. unbezahlte Rechnungen, fehlende Formulare). Wir klären zuerst den Prozess: Wie kommt Post rein, wie wird sie geprüft, bezahlt und abgelegt?
Dann arbeiten wir in kleinen, messbaren Schritten: zum Beispiel eine definierte Zentimeterhöhe des Stapels pro Session abarbeiten. Damit haben Betroffene Erfolgserlebnisse. Wenn es um echte Finanzplanung geht, ziehen wir spezialisierte Kolleginnen hinzu oder empfehlen Finanzcoaching, weil das Fachwissen oft erforderlich ist.
In welchen Fällen verweist ihr weiter an Psychotherapeutinnen oder Fachärztinnen?
Sarah Kiefer: Wir arbeiten nach einem Verhaltenskodex und erkennen, wann Coaching nicht mehr ausreicht. Beispiele dafür sind ausgeprägte Zwangshandlungen (z. B. ständiges Händewaschen nach Berührung), tiefe Trauer, starke Angsterkrankungen oder sonstige psychische Erkrankungen, die das Aufräumen massiv verlangsamen oder verhindern.
In solchen Fällen vermitteln wir an Therapeutinnen oder psychosoziale Fachstellen. Gleichzeitig kann ein Ordnungscoaching aber das Gefühl erzeugen, „jetzt will ich mich auch therapeutisch damit befassen“. Dann unterstützen wir bei der Suche nach geeigneter Hilfe.
Kannst du ein konkretes Beispiel nennen, wo Ordnungsarbeit den Alltag maßgeblich verändert hat?
Sarah Kiefer: Ja. Ich erinnere mich an eine Kundin, deren Wohnzimmer „wie vor 20 Jahren“ aussah und die sich schämte. In mehreren Sessions haben wir klare Zonen geschaffen, vieles gespendet und praktische Lösungen implementiert (z. B. neue Haken, strukturierte Ablage).
Nach neun Stunden war vieles so weit geklärt, dass sie sich wieder in der Gemeinde engagieren konnte und mehr Zeit mit ihrem Sohn verbrachte. Für sie war es nicht nur ein sauberer Raum, sondern eine massive Erleichterung im Alltag und ein Abfallen von Ballast.
"Sammle Methoden und feiere Fortschritte"
Was ist dein erster, realistischer Tipp für Hörerinnen und Hörer, die sich wiedererkennen?
Sarah Kiefer: Mach es niedrigschwellig: nimm dir 30–60 Minuten und ein konkretes, messbares Ziel (z. B. fünf Zentimeter weniger Stapelhöhe, ein aufgeräumter Eingangskorb). Sammle Methoden, die bei dir schon mal funktioniert haben, und lege sie als persönliche Toolbox an.
Feiere kleine Fortschritte — akzeptiere, dass Leistung schwankt und dass es normal ist, nicht jeden Tag gleich zu funktionieren. Wer Unterstützung will, kann in ein strukturiertes Angebot wie unseren Club schauen oder professionelle Begleitung suchen.
Schützt eure vier Wände. Gestaltet sie so, dass sie euch guttun: gemütlich, bunt oder minimalistisch, wie ihr es braucht. Ihr macht die Regeln für euer Zuhause.
Heiter bis stürmisch - der Alltags-Podcast mit Olli Schmidt
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