Mann und Frau schauen voneinander weg, weil sie streiten
Psyche

Wann lohnt sich eine Paartherapie wirklich?

Wenn eine große Liebe bröckelt oder eine Ehe zu scheitern droht, ist das schmerzhaft für ein Liebespaar. pme-Paartherapeutin Gisela Backes erklärt am Beispiel von Jessica und Daniel, wann Konflikte zur echten Beziehungskrise werden und wie Sie es schaffen, einen neuen Anfang zu finden. Nur soviel vorab: Es liegt höchstwahrscheinlich viel Arbeit vor Ihnen.

Expertin: Gisela Backes, Paartherapeutin, Redaktion: Christin Müller, Redaktion
 

Woran zerbricht die Liebe? 

Laut Paartherapeutin Gisela Backes sind häufig ein mangelnder Austausch und Missverständnisse die Hauptursachen für Krisen in Beziehungen sind.

Sie empfiehlt, als Paar aktiv an der Beziehung zu arbeiten, offen zu kommunizieren und sich bewusst Zeit füreinander zu nehmen, um wieder zueinander zu finden.

Professionelle Unterstützung kann helfen, neue Wege zu entdecken, Lösungen zu entwickeln und die Partnerschaft zu stärken – sofern beide bereit sind, sich auf diesen Prozess einzulassen.

 

Der Fall Jessica und Daniel: Wenn Vorwürfe sich ständig wiederholen!

Jessica und Daniel sind seit zwölf Jahren ein Paar. Kennengelernt haben die beiden sich in der Uni. Gemeinsam zogen sie von Münster nach Berlin – lukrative Jobs warteten auf sie in der Hauptstadt. Für Jessica als Projektleiterin in einer PR-Agentur, für Daniel als Ingenieur an einem technischen Institut. Mit der Hochzeit vor vier Jahren und der kleinen Tochter Mia schien das private Glück perfekt.

Doch schon bald stellten sich erste Probleme ein. Jessica, die sich nun hauptsächlich um die Tochter kümmerte, kam nur schwer damit zurecht, ihren alten Job, in dem sie zuvor oft Überstunden gemacht hatte, nicht mehr ausüben zu können.Sie hatte in den sauren Apfel gebissen und einen schlechter bezahlten Job als Teamassistentin angetreten – eine Teilzeitstelle war in ihrem alten Job nicht möglich.

Daniel sah seine Hauptaufgabe nun darin, das Geld zu verdienen. Er arbeitete, wann immer es ging. Der Verdienst war auch zu gut und die Aufstiegschancen greifbar nahe. Obwohl die beiden keine finanziellen Sorgen hatten, schlich sich schon bald dieses eine komische Gefühl ein – einfach nicht mehr als Paar zu funktionieren.

Beziehungskrise, wenn die Kinder kommen

Gisela Backes ist Paar- und Familientherapeutin beim pme Familienservice. Sie hat in den vergangenen Jahren viele Paare durch eine Krise begleitet, so auch Jessica und Daniel. „Ein Kind ist für ein Paar etwas Wunderschönes. Macht es doch aus einer Zweierbeziehung eine kleine Familie. Das nimmt unweigerlich Einfluss auf die Beziehung der Eltern.“ Häufig übernimmt die Mutter die Pflege und Erziehung des Kindes.

1. Wie Veränderungen nach der Geburt die Partnerschaft auf die Probe stellen

So wie Jessica. Nach Ablauf ihrer einjährigen Elternzeit kümmerte sie sich hauptsächlich um Mia. Sie hatte alle Impftermine auf dem Schirm, blieb mit ihr zu Hause, wenn Mia Fieber hatte und erledigte nach der Arbeit alle Einkäufe. Sie übernachtete im Zimmer der Tochter, so dass Daniel in Ruhe schlafen konnte.

Eine einschneidende Veränderung: „Wenn die Mutter ihr altes Leben aufgeben muss, kann sich schnell Unzufriedenheit einstellen.“, sagt Gisela Backes. Womöglich fehlen zusätzlich die Wertschätzung und Bestätigung aus dem alten Job. Das kann frustrieren. Aber auch an Daniel ging die Veränderung nicht spurlos vorbei. Er sehnte sich nach mehr Zweisamkeit mit seiner Frau.
 

"Mangelhafte Kommunikation und Interpretation von Situationen und Äußerungen sind die häufigsten Ursachen für Krisen in der Partnerschaft."
Gisela Backes, Paartherapeutin, pme Familienservice
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2. Wenn Elternschaft die Zweisamkeit verdrängt

Jessica ließ es nicht zu. Zu kaputt war sie vom Tag mit der Kleinen und insgeheim gab sie ihrem Mann die Schuld an der Unzufriedenheit. Die körperliche Nähe zum Kind hat im ersten Lebensjahr und kurz danach häufig oberste Priorität. Wenn Jessica viele Stunden engen Körperkontakt zu Mia hatte, ist der Bedarf nach körperlicher Nähe gedeckt. Das erfordert von Daniel Verständnis und Geduld aber auch beharrliches Werben um die Frau als Partnerin.

Hören Sie auch unseren Podcast zum Thema: Was passiert in einer Paartherapie?

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Fehlende Kommunikation und Fehlinterpretationen belasten Beziehung

Das gleiche gilt für die Anerkennung im Job. Sind Kinder da, lassen die Tagesroutinen nicht selbstverständlich Raum für Austausch“, stellt die Paartherapeutin heraus.

Häufig sei die fehlende Kommunikation zwischen den Partnern der Grund für eine Fehlinterpretation von Situationen und Äußerungen: „Das Paar glaubt sich in- und auswendig zu kennen, die Worte ´nie` und ´immer` werden häufig verwendet“, sagt Backes. Doch wenn das Paar nicht gemeinsam versucht Lösungen für die Unzufriedenheit oder Überbelastung zu finden, löst das häufig eine ernste Krise aus.

Wichtig sind Gespräche über:

  • Job
  • Kinderbetreuung
  • Persönliche Bedürfnisse nach Schlaf, Ruhe, körperlicher Nähe
  • Verteilung der Aufgaben im Haushalt
  • Freizeitgestaltung
  • Kontakt zu Freunden und Hobbys
     
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​​​​​​​Wenn Schweigen und Streit die Beziehung bestimmen: Die Fronten verhärten sich

Bei Jessica und Daniel wurde der Ton rauer. Eine normale Kommunikation schien schon lange nicht mehr möglich. Es wurde erst täglich gestritten, irgendwann nur noch geschwiegen.

Es gab Tage, an denen die beiden kein Wort miteinander sprachen und wenn doch, nur noch anbrüllten. Die Liebe, wie sie einst begonnen hatte, schien nicht mehr zu existieren – geschweige denn ein Liebesleben.

Und irgendwie war es beiden auch egal. Zu diesem Zeitpunkt schien eine Scheidung näher als eine Einigung. Es blieb noch ein Versuch, ein letztes Aufbäumen vor dem endgültigen Schritt. Denn sie wussten, dass es so nicht weitergehen konnte. Das Paar kam zu Gisela Backes in die Beratung. Die 62-jährige Paartherapeutin half den beiden, ihre Krise zu meistern.
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Eine Paartherapie kann Dynamiken in der Beziehung aufdecken und helfen, wieder Respekt und Liebe füreinander zu empfinden (Foto: pme Familienservice).

Wann Paare in die Paartherapie kommen

„Paare kommen immer dann zu mir, wenn sie selbst keinen Ausweg mehr aus der kritischen Situation sehen. Das kann zu Beginn Krise sein oder auch nach jahrelanger Dauerkrise.

Anlass für eine Beratung kann eine lebensverändernde Familiensituation sein, wie eine Geburt, ein Todesfall, eine schwere Krankheit, ein Jobwechsel, Untreue, aber auch Respektlosigkeit, Lügen, Verletzungen, Kinderlosigkeit, Frustration, sexuelle Unlust oder kulturelle Unterschiede", erläutert die Therapeutin.

In Deutschland wird heutzutage jede dritte Ehe geschieden. Professionelle Hilfe holen sich die wenigsten. Warum das so ist, weiß Gisela Backes: 
 

"Meist ist es mindestens einem Beteiligten peinlich sich fremde Hilfe zu holen oder mindestens eine Person glaubt nicht an eine Veränderung durch die Therapie."
 

Was erfolgreiche Partnerschaften auszeichnet und wie Therapie helfen kann

Wie vielen Paaren sie letztendlich helfen konnte, kann Gisela Backes nicht pauschal sagen. Sie rät: „Es ist wichtig an sich als Paar zu arbeiten, es auch zu wollen und nicht einfach aufzugeben.

Erfolgreiche Partnerschaften sind gekennzeichnet durch eine wechselseitige positive Wahl (der Partner/ die Partnerin ist die absolute Nr. 1), durch wechselseitige Liebe, durch wechselseitiges Vertrauen und durch Respekt und Achtung füreinander.

Auch wenn einige Therapien schwieriger sind als manch andere, Gisela Backes hat noch keinem Paar zur Trennung geraten: „Die Entscheidung trifft immer das Paar oder zumindest eine Person in der Partnerschaft. All denen, die Hilfe oder Unterstützung annehmen möchten, kann geholfen werden.

Wenn eine Person aber die Entscheidung trifft, die Partnerschaft nicht weiter aufrecht erhalten zu wollen, dann können wir das Paar auch im Trennungsprozess unterstützen."

Ziele, Methoden und Ablauf: Wie läuft eine Paartherapie ab?

Das Vorgehen in der Paarberatung ist abhängig davon, was das Ziel der Paarberatung sein soll. „Das kann beispielsweise sein: die Kommunikation zu verbessern, nach Untreue das Vertrauen wieder zu gewinnen, die Sexualität wieder aufleben zu lassen oder als Zweitfamilie zusammen zu wachsen“, führt Backes weiter an.

Es gibt vorbereitende Fragen für eine Paarberatung, die zurückschauen auf den Beginn der Beziehung, auf das hier und jetzt und auf Wünsche für die Zukunft. Diese Fragen dienen als Leitfaden in der Beratung wo sich gegebenenfalls Übungsaufgaben für das Paar ableiten lassen.

 

So stärken Paare die Beziehung nach der Krise

1. Mehr Zeit füreinander finden

Jessica und Daniel hat die Therapie geholfen. Sie haben sich vorgenommen, sich als Paar wieder mehr wahrzunehmen und Zeit in ihre Beziehung zu investieren.

So gibt es nun Zeiten, in denen sie nur für sich da sind. Am Abend bleibt der Fernseher nun häufiger aus, die Hausarbeit bleibt auch mal liegen. Bei einem Glas Wein lassen sie dann den Tag Revue passieren. Ein Date pro Monat ist fest im Kalender eingetragen.

Auf die kleine Mia passt in der Zwischenzeit eine Babysitterin auf. Für einen Wochenendtrip zum Hochzeitstag wurden sogar die entfernt lebenden Großeltern dazu geholt, um auf das Kind aufzupassen.

„Zeit füreinander kann helfen. Auch wenn es täglich nur 15 Minuten sind, in denen sich jeder wertfrei mitteilen kann und gemeinsam nach Verständnis oder Lösungen gesucht wird“, sagt die Therapeutin. „Nicht immer finden sich für alle Beteiligten zufriedenstellende Antworten. Dann sollten Zwischenlösungen gefunden werden und das Thema nach einer gewissen Zeit wieder neu diskutiert werden.“

2. Offene Kommunikation beibehalten: Im Gespräch bleiben!

Daniel will versuchen, in Job etwas zurückzutreten, so dass seine Frau neuen beruflichen Plänen nachgehen kann. Alles scheint eine gute Wendung zu nehmen.

Wichtig ist jedoch: Im Gespräch bleiben! Gisela Backes resümiert: „Vielen Menschen fällt es schwer, mit dem Partner über Wünsche, Sehnsüchte, Ängste zu sprechen. Genau das ist es aber, was eine Partnerschaft belebt."

Auf die Frage, warum es sich ihrer Meinung nach lohnt für eine bestehende Partnerschaft sich einzusetzen, hat sie eine ganz einfache Antwort: "Weil es ein wunderbares Gefühl ist zu lieben und geliebt zu werden und einen Partner/eine Partnerin an seiner Seite zu haben.“

Paar- und Einzelberatungen von erfahrenen Therapeut:innen

Beim pme Familienservice bieten wir Paaren und Familien Unterstützung, um offen über ihre Bedürfnisse zu sprechen und Missverständnisse auszuräumen.

Mehr erfahren: EAP Beratung

 

Literaturtipps

Hans Jellouschek Wie Partnerschaft gelingt

 

FAQ: Paartherapie, Beziehungskrise und Familienleben

Wann lohnt sich eine Paartherapie wirklich?


Eine Paartherapie lohnt sich, wenn Paare allein keinen Ausweg mehr aus einer schwierigen Situation finden – egal, ob sie am Anfang einer Krise stehen oder diese schon länger anhält. Besonders mit Kindern ist professionelle Hilfe sinnvoll, um das Familienglück zu schützen und einen neuen Anfang zu ermöglichen. Hilfe anzunehmen erfordert Mut, aber sie kann echte Veränderung bringen.

Woran zerbricht eine Liebe am häufigsten?


Laut Paartherapeutin Gisela Backes sind fehlende Kommunikation und Missverständnisse die Hauptursachen für Beziehungskrisen. Offene, ehrliche Gespräche und bewusst gemeinsame Zeit helfen dabei, sich wieder näherzukommen und Probleme anzusprechen.

Wie beeinflussen Kinder eine Beziehungskrise?


Wenn Eltern streiten oder unglücklich sind, belastet das Kinderseelen sehr. Ein Kind bringt viele Veränderungen im Alltag und in der Partnerschaft. Gerade nach der Geburt verschieben sich Aufgaben und alte Rollenbilder, was zu Unzufriedenheit führen kann, wenn Partner:innen nicht offen darüber sprechen.

Was kann ich tun, wenn Vorwürfe und Streit zum Alltag werden?


Wiederkehrende Vorwürfe und ständiger Streit sind Warnzeichen einer tiefen Krise. In dieser Situation sollte das Paar professionelle Beratung suchen, um wieder wertschätzend miteinander zu sprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Ab wann ist Paartherapie sinnvoll?


Eine Paartherapie ist sinnvoll bei anhaltender Unzufriedenheit, wiederkehrendem Streit, Sprachlosigkeit oder nach einschneidenden Ereignissen wie Geburt, Jobverlust, Untreue oder Krankheit. Sie unterstützt Paare dabei, ihre Wünsche, Bedürfnisse und Ängste offen zu besprechen und Veränderungen anzugehen.

Wie läuft eine Paarberatung ab?


Das Vorgehen in der Paarberatung ist individuell, richtet sich aber immer nach den Zielen des Paares: Häufig geht es um bessere Kommunikation, das Wiedergewinnen von Vertrauen nach Konflikten, das Stärken der Sexualität oder das Zusammenwachsen als Familie. Paare erhalten begleitende Fragen und praktische Aufgaben, um ihre Beziehung aktiv zu gestalten.

Was macht erfolgreiche Partnerschaften aus?


Erfolgreiche Beziehungen basieren auf gegenseitiger Liebe, Respekt, Vertrauen und dem ehrlichen Wunsch, am gemeinsamen Leben zu arbeiten. Es braucht den Willen beider, offen zu bleiben, zuzuhören und einander zur ersten Wahl zu machen.

Was, wenn nur eine Person bereit für Veränderungen ist?


Wenn ein Partner keine Veränderung wünscht, ermutigt die Therapeutin dazu, trotzdem Hilfe anzunehmen. Die Entscheidung für eine Trennung oder einen Neuanfang sollte bewusst getroffen werden. Auch während einer Trennung kann eine Beratung begleiten.

Wie können Paare die Beziehung nach einer Krise stärken?


Wichtig ist, sich Zeit als Paar zu nehmen – kleine Rituale, feste „Date Nights“ und Gespräche im Alltag helfen, sich als Partner:innen wieder wahrzunehmen. Unterstützung wie Babysitter oder Großeltern ermöglicht gemeinsame Auszeiten, selbst wenn sie kurz sind.

Warum ist offene Kommunikation entscheidend?


Nur wer über Wünsche, Ängste und Sehnsüchte spricht, hält die Beziehung lebendig. Viele Schwierigkeiten entstehen durch unausgesprochene Erwartungen. Offene Gespräche machen Nähe und Verständnis möglich.

null CEO Alexa Ahmad über Liebe

zu sehen ist CEO Alexa Ahmad
Führung & HR

“Ihr müsst eure Teammitglieder lieben” 

„Ihr müsst eure Teammitglieder lieben. Manche machen es euch leicht, und andere machen es schwerer“, sagt Alexa Ahmad, bis 30. April 2026 CEO des pme Familienservice. Sie setzt auf persönliche Nähe und Verbundenheit als Schlüssel zum Unternehmenserfolg und glaubt fest daran, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen im Team entscheidend sind, um Konflikte konstruktiv zu lösen, ein harmonisches Arbeitsumfeld zu schaffen und geschäftlich erfolgreich zu sein. 

​​​​​​​"Es gehört zur unserer Führungsverpflichtung, Menschen, die es uns schwerer machen, lieben zu lernen"

Du legst großen Wert auf persönliche Nähe und Verbundenheit im Unternehmen. Warum verfolgst du diese Philosophie?  

​​​​​​​Alexa Ahmad: Das hat drei Gründe. Der eine ist, dass ich ein Herz für unsere Teammitglieder habe und ich mich selbst als Mitarbeiterin und Teammitglied fühle. Der zweite ist eine gesellschaftspolitische Verantwortung, die jeder von uns trägt und auch als Unternehmen. Drittens der Business-Kontext: Ich hatte den Fall, dass ein Teammitglied in meinem Führungskreis politisch ganz abseits der anderen stand, und das hat zu extremen Verwicklungen geführt. Wirklich sehr reflektierte Personen konnten das nicht mehr trennen.

Doch wenn wir jemanden komplett als Person ablehnen, ist es vielen Menschen nicht möglich, kooperativ zusammenzuarbeiten. Das hat extreme Auswirkungen auf das Business. Ablehnung wandelt sich oft in Vermeidung oder in andere Reibungen – das führt fast unweigerlich zu schlechteren Ergebnissen in allen Bereichen. Es ist gefährlich, wenn sich Teammitglieder untereinander nicht vertragen. Ich sage zu meinen Teammitgliedern: „Auf mich könnt ihr gerne losgehen, jedoch seid euch untereinander einig“.  

Wie definierst du Liebe und Verbundenheit im Kontext vom Unternehmen?

Das bedeutet für mich, dass ich ein positives Bild von Teammitgliedern, Kundenkreis, Partnerorganisationen und Lieferbetrieben habe. Zu meinen Führungskräften sage ich: „Ihr müsst eure Teammitglieder lieben. Manche machen es euch leicht, andere machen es euch schwerer“.

Es gehört zur unserer Führungsverpflichtung, Menschen, die es uns schwerer machen, lieben zu lernen. Dies gilt für alle Menschen, mit denen wir im beruflichen Kontext arbeiten dürfen.

Ein Beispiel: Wir hatten mit einem Kundenunternehmen viel Irritationen und Ärger. Meine Kollegin wollte mit unserer Ansprechperson nichts mehr zu tun haben. Es war eine langjähre Ansprechperson von mir. Sie fühlte, dass ich sie ‚liebe‘ – das bedeutet, dass ich Verständnis für ihre Lage, ihre Nöte und ihr Handeln hatte, auch wenn dies konträr zu unseren Interessen steht. So kamen wir gemeinsam wieder ins wohlwollende Verhandeln und konnten die Probleme unter Berücksichtigung unserer sehr unterschiedlichen Interessen mit neuen Lösungen gestalten.  

Wenn wir uns ernsthaft bemühen, zu verstehen, warum jemand so oder so tickt, dann spüren Menschen das. Es geht darum, einen Weg zu finden, wie wir uns treffen können. Um eine Haltung, die wohlwollend ist und offen für neue Vereinbarungen und Lösungen – das meine ich mit ‚Liebe‘.  

Wie förderst du eine Kultur, in der deine Teammitglieder sich untereinander unterstützen und wertschätzen?  

Ich halte mich selbst nicht für eine gute Führungskraft und versuche mich kontinuierlich zu verbessern. Ich fordere meine Teammitglieder auf, ihre Interessen offen darzulegen und einen lösungsoffenen Austausch zu führen. Nicht selten kommen Menschen zu mir und regen sich wahnsinnig über ein anderes Teammitglied auf. Dann frage ich: Hast du mit der Person gesprochen und erklärt, warum dich das nervt? In 80 Prozent der Fälle sagen sie: Nein!  

Jedes Gespräch mit kritischem Auslöser kann, egal wie gut ich vorbereitet bin, scheitern. Das ist dann ein Konflikt. Jedoch kommen über 80 Prozent der Leute, die ich “zurückschicke”, mit ihrem Gegenüber zu einem positiven Ergebnis. Und wenn das nicht klappt, dann bin ich da und unterstütze. Wenn ich es auch nicht fixen kann, nutzen wir unsere speziell für Konfliktklärungen ausgebildeten Teammitglieder.  

​​​​​​​"Meine Führungskräfte haben auf meinem Bauernhof 'Beißhemmungen'“

Privat lebst du auf einem Bauernhof mit vielen Tieren im Vogelsberg. Welche Rolle spielen die Treffen deiner Führungsriege, zu denen du dorthin einlädst? 

Zunächst habe ich diese Treffen nur aus Verzweiflung eingeführt. Mein Zeitplan war eng – ich konnte nicht reisen, und deshalb kamen sie zu mir.  Mittlerweile mache ich diese Meetings bewusst auf meinem kleinen Selbstversorgerhof. Ich schätze, es liegt an der ländlichen Umgebung, dort gibt es viel seltener harte Auseinandersetzungen als in den üblichen Tagungsräumen.  

Meine Führungskräfte haben dort „Beißhemmungen“ (lacht). Sie benehmen sich im Vogelsberg komplett anders als im Office-Kontext. Es läuft harmonischer ab, sie bzw. wir sind kompromissbereiter und wohlwollender miteinander.  

Welche Rolle spielen Feste für das Teamgefühl?

Eine Erkenntnis aus vielen Jahrzehnten als Führungskraft: Ich möchte, dass wir nur Leute einstellen, die gewillt sind, mit uns Feste zu feiern. Ich warne meine Führungsleute inzwischen: „Wenn du jemanden einstellst, der das grundsätzlich ablehnt, dann möchtest du Ärger“. Maximal sind das vier Events pro Jahr, z. B. Teambuilding, Sport-Events, Weihnachtsfeier, Sommerfest, kleinere Teamevents.  

Ich habe festgestellt, dass Menschen, die dort nicht auftauchen wollen, das ganze Jahr über ein hohes Konfliktpotenzial in ihren Teams haben. Sie kommen durch das Nichtteilnehmen schnell in eine Außenseiterposition, deren Ausmaß sie nicht abschätzen können. Man kann es nicht verallgemeinern, jedoch in der Regel ist das so.

Das heißt nicht, dass wir keine Rücksicht darauf nehmen, wenn jemand eine Sozialphobie hat oder mal ein Jahr lang total gestresst ist, weil er die Pflege der Eltern übernommen hat. Das ist eine andere Sache.  

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Was hältst du davon, in Unternehmen Netzwerke zu bilden, z. B. für Singles, die auf Partnersuche sind?

Das ist eine Fangfrage, weil du weißt, dass ich seit Jahren von einer unternehmensgestützten Single-Plattform träume. Frauen und z. T. auch Männer gehen oftmals hohe Risiken ein, um potenzielle Partner:innen kennenzulernen.  

Es gibt wahnsinnig viele Plattformen, auf denen wir Menschen kennenlernen können – zum Wandern oder Sport treiben –, die alle sehr anonym und unsicher sind.  Wir vermitteln seit Jahrzehnten Au-pairs, Seniorenbetreuung und Babysitter. Suchende müssen sich mit ihrer Firmenadresse registrieren und können immer einer Organisation zugeordnet werden. Im Bedarfsfall ist die Anonymität aufzudecken, das ist ein riesiger Schutz.  

Wir müssen die Themen Partnersuche und Einsamkeit aus der Schmuddelecke holen und eine sichere Plattform bieten. Der Arbeitgeber hat ein Interesse daran, dass seine Beschäftigten gute, stabilisierende Beziehungen pflegen, romantische Beziehungen, Freundschaften und fachliche Netzwerke.  

"Einsamkeit ist ein großes Thema bei Mitarbeitenden"

Also sollte HR die Themen Beziehung, Liebe und Sexualität in den Blick nehmen?

Selbstverständlich wollen wir nicht das Sexualleben unserer Teammitglieder hinterfragen oder gar analysieren. Aber wir müssen verstehen, dass nicht nur der drohende Burnout, das kranke Kind oder der pflegebedürftige Angehörige unsere Teammitglieder belasten. Zunehmend sind es Einsamkeit oder ein unerfüllter Kinderwunsch. Das belastet Menschen stark und führt zu intensiven Lebenskrisen, die sich langsam anschleichen.  

Von der Einsamkeit betroffen sind statistisch gesehen genau die, die wir gerade einstellen, nämlich die jungen Leute unter 30. Am schlimmsten leiden die 18- bis 25-Jährigen an Einsamkeit, das hat mich schockiert. Sie ziehen gerade von zu Hause aus, werden selbstständig und kommen abends dann in eine leere Wohnung. Genau hier würde unsere Plattform anknüpfen. 

Abgesehen von so einer bisher nicht existierenden Plattform, können Unternehmen schon heute Netzwerke für Zielgruppen einrichten. Das ist nichts Neues! Betriebssportgruppen gibt es schon seit über 100 Jahren und Gruppen für Alleinerziehende oder Frauennetzwerke seit Jahrzehnten.  

Die Herausforderung ist es, zu erspüren, welche Gruppenangebote genutzt werden würden. e-Sport-Gruppen* gibt es zum Beispiel leider nur ganz wenige, Kochgruppen sind immer noch topaktuell, oder wie wäre eine Gruppe der Bürohundebesitzendenden?

Grundlage für alles ist, dass das Unternehmen – und als ihre Vertreter:innen die Führungskräfte – es nicht als Gefahr sehen, wenn sich ihre Teammitglieder außerhalb der Arbeitszeit treffen. Dass sie den großen positiven Effekt erkennen, der darin liegt, dass sich die Teammitglieder besser kennenlernen und vernetzen.

*Eine e-Sports Gruppe ist ein digitaler Sportverein: Man trainiert gemeinsam, entwickelt Taktiken und tritt online in Videospiel-Wettkämpfen gegen andere Teams an – teils sogar bei Turnieren mit echten Preisen und Live-Übertragungen. Teamgeist, Technik und Taktik stehen im Mittelpunkt – der Nervenkitzel ersetzt dabei den körperlichen Schweiß.

Lost in Space: Der pme Survival Guide für unsichere Zeiten

Fühlen Sie sich auch manchmal „lost“ im Krisenmodus? Mit unserer Initiative „Lost in Space? Der pme Survival Guide für unsichere Zeiten“ geben wir unseren Kund:innen wertvolles Werkzeug für die Arbeit, die Liebe und das Älterwerden an die Hand.